Über elterliche Fehltritte

Allgemein

Vor zwei Jahren, als Krumpfz noch ein kleines Baby war, das viel (auf mir) geschlafen hat (Gott, waren das traumhafte Zeiten!), habe ich einige Baby- und Kleinkind-Ratgeber gelesen, um meinem Kopf etwas zum Nachdenken zu geben und um den schlafenden Winzling auf mir (besser) zu verstehen. Mein Lieblingsbuch ist bis heute „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ , das den vielversprechenden Untertitel „Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ trägt. Hier las ich auf fast 300 Seiten zum Beispiel von der kleinen Miriam, die völlig ausrastet, wenn ihr aus Versehen ein Keks zerbricht und von Marc, der völlig außer sich gerät, als er im Schwimmbad kein Eis haben darf. Und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass aus meinem süßen, zarten Baby-Krumpfz auch einmal so ein schwer ertragbarer Wüterich werden würde.

Gut anderthalb Jahre später mussten wir Eltern allerdings einsehen, dass auch unser bisher sehr kooperatives Kind ordentlich Eskalationspotential hat. Im Mai wähnten wir uns auf dem Höhepunkt der bisherigen Wutskala – und nahmen an, dass Krumpfz‘ Zornesattacken nun bald wieder seltener würden. Doch weit gefehlt – seit ungefähr einem Monat ist das Zusammenleben mit Krumpfz wie ein täglicher Tanz auf dem Popocatepetl! Jeder noch so kleine Fehltritt unsererseits führt zu einem Ausbruch bisher unbekannten Ausmaßes: Krumpfz beginnt zu weinen, zu schreien und wie wild mit den Füßen zu stampfen. Können (oder wollen) wir Eltern dann nicht sofort Abhilfe schaffen bzw. Abbitte leisten, steigert sich Krumpfz‘ Koller so weit, dass er schließlich auf dem Boden liegt und seine Stirn auf den Untergrund hämmert (was wehtun muss und den einen oder anderen blauen Fleck produziert).

Was wir Rabeneltern verbrochen haben? Hier eine kleine, unsortierte Auswahl unserer gravierenden Fehltritte, die Krumpfz in den letzten Tagen in Rage versetzt haben:

  • Krumpfz wird wach und nur Papa ist da.
  • Es gibt keine Schoko-Kekse zum Frühstück.
  • Krumpfz möchte keine Banane in sein Schoko-Porridge.
  • Krumpfz möchte „doch Banane“.
  • Papa schmiert Krumpfz‘ Brotscheibe nur, schneidet sie aber nicht in Streifen.
  • Papa schneidet das Brot nach dem ersten Wutausbruch sofort in Streifen und kann es auf Kommando („Wieder zusammenbauen!“) nicht wieder heile machen.
  • Papa klebt die Brotstreifen mit Butter wieder zusammen („In Streifen schneiden!“).
  • Oma deckt die lilafarbene Gabel auf und nicht den lilafarbenen Löffel.
  • Mama weigert sich, die lilafarbene Gabel postwendend zurück in die Küche zu bringen.
  • Der rote Löffel ist nicht auffindbar und kann daher nicht benutzt werden.
  • Der blaue Löffel ist dreckig und kann daher nicht benutzt werden.
  • Der grüne Becher ist falsch.
  • Der weiße Becher ist leer.
  • Der weiße Becher ist zu voll.
  • Das überschüssige Wasser aus dem weißen Becher darf nicht in die Flasche zurückgeschüttet werden.
  • Mama tut etwas Bolognese-Soße auf Krumpfz‘ Nudeln, nachdem Krumpfz Soße auf seine Nudeln wollte.
  • Krumpfz will seine Nudeln nicht ohne Sauce essen („Doch Soße!“).
  • Krumpfz will nicht am großen Tisch essen, sondern am kleinen.
  • Krumpfz will auch nicht am kleinen Tisch essen.
  • Mama darf nicht neben Krumpfz sitzen („Mama weggehen! Mama nicht da sitzen!“).
  • Mama darf aber auch nicht weggehen.
  • Mama holt einen Waschlappen, nachdem Krumpfz wollte, dass man ihm die Hände abputzt.
  • Mama holt keinen Waschlappen, sondern nur ein Küchentuch, nachdem Krumpfz wollte, dass man ihm die Hände abputzt.
  • Krumpfz soll seine Winterjacke anziehen, weil draußen Temperaturen von knapp über Null herrschen.
  • Krumpfz soll seine Schuhe anziehen.
  • Mama geht auf Toilette.
  • Mama holt Krumpfz mit dem Auto von der Kita ab.
  • Mama besteht darauf, mit dem Auto nach Hause zu fahren, damit das Auto nicht auf dem Kita-Parkplatz zurückbleibt.
  • Krumpfz darf das Auto nicht alleine fahren.
  • Krumpfz darf auch nicht auf dem Beifahrersitz mitfahren.
  • Mama drückt gedankenverloren auf den Etagenknopf im Aufzug („Leine machen!“).
  • Mama schließt die Wohnungstür allein auf.
  • Mama will Krumpfz helfen, die Wohnungstür aufzumachen („Leine machen!“).
  • Mama sitzt resignierend auf dem Schuhschrank neben der Wohnungstür und hilft Krumpfz nicht dabei, die Wohnungstür zu öffnen.
  • Mama bietet als Nachmittagssnack nur Obst und Kekse an, weil die Schoko-Kekse leer sind.
  • Mama singt („Mama nicht singen!“).
  • Papa singt („Papa nicht singen!“).
  • Papa (und nicht Mama) will Krumpfz wickeln.
  • Papa (und nicht Mama) will Krumpfz ins Bett bringen.
  • Mama will Krumpfz die Zähne mit der elektrischen Zahnbürste putzen („Leine machen!“).
  • Krumpfz darf keine von Mamas Schmerz-Tabletten essen.
  • Mama deckt Krumpfz mit der Decke zu.
  • Papa hält im Bett zu wenig Abstand zu Krumpfz.
  • Krumpfz wird nachts wach und will etwas aus seinem Trinklernbecher trinken. Mama drückt auf den Becher-Deckel, um den Unterdruck im Becher abzubauen.
  • Mama drückt nachts nicht auf den Deckel, bevor sie Krumpfz den Becher reicht.
  • Krumpfz träumt von einer der oben genannten Gemeinheiten und wacht auf.

Ich könnte diese Liste noch endlos weiterführen… aber ich denke, dass Krumpfz‘ Willkürherrschaft auch so recht deutlich wird. Besonders schlimm lief es für mich in den letzten zwei Tagen, als Krumpfz einen Infekt ausbrütete und dementsprechend noch wütender war. Als ich ihm gestern Abend dann so gar nichts mehr recht machen konnte und er von einem Lamento ins nächste geriet, schlug ich schließlich vor, noch eine Runde mit dem Laufrad durch die Stadt zu fahren. Unterwegs trafen wir eine meiner Kolleginnen, die selbst zwei Teenie-Töchter hat.

Sie: „Und? Wie geht’s?“

Ich: „Ach, du, der Kleine ist krank und sowieso gerade unausstehlich.“

Sie: „Oh, seid ihr in der Phase, in der das Brot immer auf der falschen Seite bestrichen wird?“

Ich: „Ja.“

Sie: „Oh, das ist bitter! Das ist so anstrengend! Und am liebsten würde man das Kind mal so richtig anschreien – aber das geht ja nicht wegen der Erziehung und so. Aber glaube mir, das ist nur ’ne ganz kurze Phase! Die geht auch wieder vorbei!“

Ich lächelte müde, während sie mich umarmte und schnell weiterhastete, um ihre Tochter irgendwo abzuholen.

Heute Morgen – ausgeschlafen und wieder etwas nervenstärker als am Vorabend –  versuchte ich also den ersten Wutanfall meines Sohnes* leicht zu nehmen und begann, leise vor mich hinzusingen – was natürlich auch nicht richtig war: „Mama nicht singen!“ „Okay. Darf ich denn wenigstens atmen?“ „Nein!“

Also das finde ich nun doch etwas viel verlangt! Denn wenn mir eins in den letzten Wochen geholfen hat, dann ist es tiefes Durchatmen. Damit mich mein gewünschtestes Wunschkind nicht in den Wahnsinn treibt.

*Ich hatte ihm Milchschaum gebracht, nachdem er Milchschaum trinken wollte. 

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