Auf der anderen Seite

Allgemein

Letzte Nacht habe ich endlich mal wieder gut geschlafen. Die zwei Nächte davor bekam ich hingegen kaum ein Auge zu. Wer jetzt glaubt, Krumpfz die Schuld dafür geben zu können, der irrt. Mein Kleiner schlief nämlich diese Woche nach einer paar Nächten voller Zahnweh* ganz friedlich an meiner Seite. Ich hingegen wälzte mich von der einen auf die andere und schaute ständig auf mein Handy, das ich sonst nie mit ins Schlafzimmer nehme. Denn ich wartete. Auf die eine Nachricht: Sie ist da, alles ist gut.

Rückblick: Als ich Krumpfz im August viel zu früh entband und er auf der Neonatologie tapfer einen kleinen Meilenstein nach dem anderen nahm, wurde meine beste Freundin Anne** schwanger. Sie und ihr Mann hatten so lange darauf gewartet – das Baby war ihr größter Herzenswunsch. Sie gaben ihm den Spitznamen „Hubi“, weil es bei einem Helikopterflug zu Beginn der Schwangerschaft schon in Annes Bauch dabei gewesen war. Und obwohl bald klar war, dass Hubi ein Mädchen war, blieb der Name.

Ab da begann eine doppelte Zeitrechnung: Während wir Krumpfz Woche für Woche dabei zusahen, wie er größer, wacher und mobiler wurde, wölbte sich Annes Bauch langsam aber stetig zu einer runden Kugel. Während Anne vorbeikam, um uns erschöpfte Eltern mit Lasagne aufzupäppeln, ging ich mit ihr zur Untersuchung beim Frauenarzt, um beim Ultraschall – mit Krumpfz auf dem Rücken – einen ersten Blick auf die noch winzige Hubi zu werfen. Wir trafen uns zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Kaffee oder zu Spaziergängen und fuhren zusammen in die nächstgelegene Großstadt – natürlich immer mit Krumpfz. Wir feierten zusammen Silvester und blickten voller Vorfreude auf Hubi und voller Dankbarkeit für Krumpfz in den funkensprühenden Nachthimmel. Schließlich wurde Anne Krumpfz’ Patentante und übernahm bei seiner Taufe – schon im Mutterschutz und hochschwanger – einen Teil der Lesung. Und nicht viel später fragte mich Anne feierlich, ob ich im Gegenzug Hubis Patentante werden wolle – was mich spontan ein paar Freudentränen vergießen ließ.

Kurz darauf fing es an: das Warten auf Hubi. Doch lange passierte nichts (dabei hampelte Anne auf unserem letzten Spaziergang so wild mit Armen und Beinen herum, um mir ihre Fitness zu demonstrieren, dass ich kurz eine spontane Sturzgeburt inmitten der von uns durchquerten Parkanlage fürchtete!).

Zu Beginn dieser Woche – Krumpfz zählte genau 264 Tage – erreichte Anne mit Hubi schließlich das magische Datum: den errechneten Geburtstermin. „Crazy!“, schrieb sie mir nach dem Aufwachen am Montag ungläubig. Trotzdem tat sich erst einmal nichts (welches Baby interessiert sich schon für errechnete Geburtstermine). Auch am nächsten Morgen machte sich Anne ohne große Vorahnungen auf den Weg zum Check-Up in die Klinik. Dort dann die Überraschung: Ihre Fruchtblase war über Nacht gesprungen. Sofort wurde Anne in der Klinik aufgenommen.

Annes Nachricht versetzte mich mehr in Aufregung, als ich erwartet hätte. Nachmittags – ich war gerade nach einer Runde Training in der Umkleide unserer Fitnessstudios – schrieb sie mir, dass sie nun draußen im Patientengarten ihre Runden drehen würde und ich sie anrufen könne. Noch nie war ich so schnell geduscht und umgezogen! Vor dem Studio sprach ich mit einer aufgeräumten, optimistischen Ann. In mir hingegen stiegen erste Sorgen auf. Denn ich wusste ja, was auf sie zukam, ich hatte es vor nicht mal neun Monaten selbst erlebt.

Nach dem Telefonat hielt mich Anne mit sporadischen Nachrichten auf dem Laufenden. So nah war ich noch nie dabei gewesen. So viel hatte ich vorher bei keiner anderen Geburt gewusst. Klar, ich habe viele Freundinnen, die inzwischen Mütter geworden sind. Aber das war vor Krumpfz. Da hatte ich keine Ahnung, was es heißt, durch eine Geburt zu gehen und ein Kind zu entbinden. Da war eine Klinik für mich eine Blackbox: Eine Freundin ging mit großem Bauch hinein und kam mit weniger Bauch und Baby wieder heraus. Was dazwischen geschah – ich wusste es nicht.

Jetzt wusste ich es, ich hatte es selbst erlebt. Meine Sorgen wuchsen mit jeder Stunde, die Anne in der Klinik war. In der Nacht zu Mittwoch nahm ich mein Handy mit ans Bett. Ich schlief unruhig und schaute ständig auf das stummgeschaltete Gerät. In den Morgenstunden tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass Anne und ihr Mann sicher schon mit Hubi in den Armen in schliefen und mir nur noch nicht bescheid gesagt hatten.

Als Anne sich am Mittwochmorgen meldete, waren sie und ihr Mann allerdings immer noch zu zweit. Ihre Nachrichten wurden zunehmend kürzer und verzweifelter. Ich versuchte, dagegen anzuschreiben und ihr Mut zu machen, während meine Sorgen angesichts der von Anne und mir so gefürchteten Begriffe „PDA“ und „Wehentropf“ wuchsen. Und gleichzeitig dämmerte es mir langsam, wie es Anne ergangen sein musste, als ich im August plötzlich und völlig unerwartet mit einem Blasensprung in die Klinik gekommen war. Nun war ich auf der anderen Seite.

Der Tag verstrich quälend langsam und der Abend brach an, ohne die eine, erlösende Nachricht. Wieder nahm ich mein Handy mit ans Bett, wieder checkte ich alle halbe Stunde das Display. Um 02:43 Uhr riss mich endlich ein mechanisches Brummen aus dem Schlaf: mein Handy vibrierte! Obwohl ich schnell auf das rote Abnahmesymbol tippte, versiegte der Anruf. Eilig schlich ich mich aus dem Schlafzimmer, setzte mich im Wohnzimmer auf den kalten Holzfußboden und rief zurück. Da ich dabei schlaftrunken die Videoanruf-Option wählte, war ich Sekunden später in Bild und Ton mit dem Kreißsaal verbunden. „Sie ist da“, sagte Anne und nannte mir Hubis richtigen Namen. Dann schwenkte sie mit ihrem Smartphone nach rechts: In ihrem Arm lag die Kleine und schlief. Ich war erleichtert – und unendlich gerührt von diesem Video gewordenen happy end.

Auch ich hatte Anne in der Nacht nach Krumpfz’ Geburt angerufen und ihr als Erste bescheid gegeben. Auch sie saß damals im dunklen Wohnzimmer und hörte mir zu. Auch sie war sehr erleichtert und gerührt. History repeating.

Nach fünf Minuten verabschiedete ich Anne und ihren Mann und kroch zurück zu Krumpfz ins Bett. Allerdings konnte ich wieder nicht schlafen. Dieses Mal aber nicht vor Sorge, sondern vor Glück. Im Halbdunkel betrachtete ich Krumpfz und dachte an das doppelte Wunder: Anne und ich, wir sind jetzt Mütter. Was für ein großes Abenteuer!

*Das erste Schneidezähnchen im Unterkiefer ist da!

** Die wir im echten Leben natürlich anders nennen.

 

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