Mutti-Tasking

Allgemein

Gerade liege ich mit einem Tee zu meiner Linken ausgestreckt auf unserem Sofa und lausche – in die Wohnung und in mich hinein. Diese Stille… Dieses Gefühl, gerade mal nichts müssen zu müssen… wie lange hatte ich das nicht mehr? Ich kann mich nicht erinnern, es muss irgendwann am Ende meiner Schwangerschaft gewesen sein.

Den Luxus kompletter Ruhe, die nur vom Surren unseres Kühlschranks und dem gelegentlichen Vorbeirauschen der Autos auf der Straße unter unserer Wohnung unterbrochen wird, verdanke ich meinen Schwiegereltern. Sie begleiten Krumpfz gerade draußen durch die trübe Frühlingskälte in den Mittagsschlaf. Sie haben extra ihre Regenjacken mitgebracht, um mir diese Auszeit und sich die Zeit mit dem Enkel auch bei einem etwaigen Wolkenbruch zu garantieren.

Bevor ich mich jedoch hier auf dem Sofa lang gemacht habe, habe ich – preußisch erzogen wie ich bin – erst einmal noch die Küche geputzt, den Boden von Wollmäusen befreit und den Wickeltisch aufgeräumt. Aber allein das habe ich schon genossen: in meinem Tempo zu arbeiten, ohne dass meine Aufmerksamkeit von einem gelangweilten und/oder launischen Kind lautstark eingefordert wird. Dabei Radio zu hören und jedes Wort zu verstehen. Sich einen Tee aufsetzen und ihn warm zu trinken…

Der Alltag mit Krumpfz sieht nämlich anders aus. Er ist geprägt von dem, was ich „Mutti-Tasking“ nenne: dem Versuch, Kind, Haushalt und eigene Bedürfnisse (ja, die gibt es auch noch!) unter einen Hut zu bekommen.

Der tägliche Höhepunkt meines „Mutti-Taskings“ ist das Kochen. Ich fand es schon immer stressig, das Mittagessen für mich zuzubereiten und gleichzeitig den zunehmend dem Mittagsschlaf entgegennörgelnden Krumpfz zu bespaßen. Aber seit Krumpfz mittags nun einen von mir mit viel Liebe zubereiteten Brei kredenzt bekommt, klettert mein Stresspegel in bisher ungeahnte Höhen.

Ein normaler Mittag verläuft momentan so: Meist kommen Krumpfz und ich von unserem ersten gemeinsamen Spaziergang nach Hause. Krumpfz tut dies meist schreiend, um zu verdeutlichen, dass er das Liegen im Kinderwagen im Treppenhaus als absolut sinnlos ablehnt. Seine Beschwerde trägt er so lange vor, bis ich ihn von der verhassten Mütze und seinem Fleece-Overall befreit habe. Meist gelingt es mir trotzdem, zwischen Treppenhaus und Wohnzimmer mit dem Krumpfz’schen Protestbündel auf dem Arm den vorher schon mit Gemüsestücken und Wasser gefüllten Topf auf den Herd und letzteren anzustellen.

Danach versuche ich möglichst schnell, Krumpfz von seiner Welle schlechter Laune an Land zu ziehen, indem ich ihn in eins seiner Lieblingsspiele verwickle (wahlweise: Tuch über dem liegenden Baby hin- und herschwingen, das Kissen mit dem Katzenmuster über ihm schweben lassen, „Guckguck“ spielen). Ist Krumpfz’ gute Laune wieder hergestellt, nehme ich ihn in die Küche mit und setze ihn – alle Orthopäden werden jetzt „Rabenmutter!“ schreien – in den Autositz, von dem aus er mich zunächst interessiert beobachtet.

Nun widme ich mich – während Krumpfz’ Breikost auf dem Herd bereits köchelt – meinem eigenen Mittagessen und putze Salat, koche Nudeln oder Kartoffeln, setze Soßen an. Von kulinarischen Höhenflügen habe ich mich dabei längst verabschiedet. Das Einzige, was zählt, ist: Es muss schnell gehen und sich gut warmhalten lassen.

Leider dauert selbst das einfachste Nudelgericht in der Zubereitung länger als der Krumpfz’ Geduldsfaden hält. Über zunächst neugierigen, großen, sehr blauen Augen zieht sich bald schon die Stirn in Falten, bevor Krumpfz zu nörgeln beginnt. Manchmal kann ich ein paar Minuten dadurch gewinnen, dass ich ihm ein Spielzeug oder ein Küchenutensil in die Hand drücke. Meist aber muss ich gleich zu härteren Mitteln greifen – und singen.

Während ich also am Herd stehe und koche, singe ich die ganze „Anne Kaffeekanne“-CD hoch und runter. Zum Glück ist Krumpfz noch nicht so textsicher, so dass er meine durch das Mutti-Tasking bedingten Versinger nicht mitbekommt: „Da kam sie in den Schwarzwald – und was war denn da? Da sprach ein Oberförster mit strohblondem Haar: ‚Du bist genau die richt’ge Frau, du bringst mir die Kartoffeln für die Tagesschau.’“ (Es heißt natürlich „Pantoffeln“!)

Spätestens aber, wenn ich anfange, Krumpfz’ Mittagessen zu pürieren, übertönt der Lärm des Mixers mein Singen und meinem Sohn fällt schlagartig ein, dass er Hunger hat. Sein Gequengel steigert sich und geht spätestens dann in ein lautes Weinen über, wenn ich ihm sein Lätzchen, das einem buntgetupften OP-Hemd aus Plastik gleicht, anziehe (Anziehen ist schließlich die Baby-Vorhölle!).

Spätestens dann kocht meist einer der Töpfe auf unserem alten und daher unberechenbaren Herd über. Schnell und ohne zu fluchen (man ist ja Vorbild!) versuche ich, den gröbsten Dreck von der Herdplatte zu entfernen, wobei ich mir nicht selten die Fingerkuppen verbrenne. Während Krumpfz weiter zetert, renne ich ins Bad, stoße mir auf dem Weg den Fuß an der schief in den Angeln hängenden Tür an und fluche dann doch, bevor ich mir Waschlappen und Handtuch greife, um mich für die anstehende Brei-Schlacht zu wappnen.

Auf dem Rückweg schnappe ich mir dann in der Küche den zeternden Krumpfz, der inzwischen das Lätzchen fast komplett wieder ausgezogen hat und bugsiere ihn ins Wohnzimmer an den Esstisch. Kaum sitzen wir, öffnet er seinen Mund wie ein kleines Vögelchen und fordert seinen Brei ein. Schnell ziehe ich das Lätzchen in Position und biete Krumpfz den ersten Löffel an. Viele weitere folgen in atemberaubender Geschwindigkeit (ein Gourmet und Genießer ist Krumpfz noch nicht).

Anschließend lege ich Krumpfz auf seine Spieldecke und wische kurz die Breikleckse auf, die auf dem Tisch, an der Tischkante, auf dem Boden und auf dem Stuhl interessante Spritzmuster gebildet haben.

Mit dem Glauben daran, noch kurz selbst zehn Minuten (nur fünf wären auch okay!) selbst in Ruhe essen zu können, hole ich dann mein in der Regel verkochtes oder erkaltetes Mittagessen aus der Küche. Doch sobald ich den ersten Bissen im Mund habe, stirbt diese Hoffnung – denn Krumpfz ist jetzt schlagartig müde und will seinen Mittagsschlaf. Während sein Nölen rasant zu einem ausgewachsenen Schreikrampf mutiert, schlinge ich den Tellerinhalt hinunter und verabschiede mich in Gedanken von einem Dessert oder Espresso.

Bevor ich Krumpfz packe und mit ihm im Schlafzimmer zum Mittagsschlaf verschwinde, werfe ich seufzend einen letzten Blick in die Küche – auf die verkrustete Herdplatte, das dreckige Geschirr, die bereits angetrockneten Töpfe: Nach dem Mutti-Tasking ist vor dem Mutti-Tasking.

 

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