De brune Schimmel

Allgemein

Wihnachtenobend
denn goht wi no boben
denn pingelt de Klocken
denn danzt de Poppen
denn piept de Müs’
in Grooßvadder sien Hüs’.

Wenn ich diese Verse höre oder lese, ist für mich Weihnachten. Sie sind der Beginn von „De brune Schimmel“, einer plattdeutschen Weihnachtsgeschichte von Rudolf Kinau. Tatsächlich habe ich den Text dieses Jahr erst wieder aus meiner Kiste mit alten Briefen und anderen Habseligkeiten ausgekramt. Er erinnert mich wie keine andere Geschichte an Weihnachten, wie es früher war. Als ich noch selbst ein Kind war. Als wir noch mit drei Generationen gefeiert haben. Als wir alle am Kamin im Wohnzimmer saßen: meine Großeltern, meine Eltern, meine Tante und mein Onkel. Und als wir meiner Tante gelauscht haben, die die Geschichte vorgelesen hat. Ich – einziges Kind in der Runde – konnte es immer kaum abwarten, dass die Geschichte endlich zu Ende war. Denn danach war Bescherung. Und außerdem verstand ich eh nur die Hälfte.
Dass ich die Geschichte nun wieder in den Händen halte, ist kein Zufall. Denn mit Krumpfz ändert sich dieses Jahr Weihnachten komplett. Zum ersten Mal feiern wir als kleine Familie unser eigenes Weihnachtsfest. Während mein Mann und ich uns in den Jahren zuvor meist aufgeteilt haben und jeder zu seiner Familie gefahren ist (er in den Süden, ich in den Norden), sind wir jetzt zum ersten Mal über die Feiertage in den eigenen vier Wänden.
Das bedeutet, zu entscheiden, wie unser Weihnachten denn aussehen soll – was dazugehören soll und was nicht: Weihnachtsmann oder Christkind? Weihnachtsbaum mit Holzfiguren und Strohsternen oder mit Lametta? Baum zusammen schmücken oder heimlich? Kartoffelsalat mit Würstchen oder Raclette? Kirche oder nicht Kirche? Godewind oder Chris Rea? „De brune Schimmel“ oder wechselnde Geschichten?

Mit jeder Antwort auf eine dieser Fragen entscheiden wir, wie Krumpfz einmal Weihnachten erleben wird. Was er mit diesem Fest verbindet. Umso schwerer tun wir uns damit, uns festzulegen. Das ist auch nicht schlimm, denn dieses Jahr ist ja nur der Testlauf für Weihnachten mit Krumpfz. Der Kleine versteht schließlich noch nicht, warum seit einer Woche ein Tannenbaum mit 200 Lichtern in unserem Wohnzimmer funkelt. Oder warum darunter seit heute Spielzeug liegt, das ich vor seinen Augen liebevoll in buntes Papier gehüllt habe. Oder warum wir uns gestern mit ihm durch einen vollen Supermarkt gekämpft und den Einkaufswagen bis oben hin gefüllt haben. Oder warum ich ihm bis dato unbekannte Lieder mit der Glöckchen-Rassel des Spielbogens rhythmisch untermale.
Aber schon nächstes Jahr wird er mehr verstehen – und ich werde die Geschenke sicher nicht mehr vor seiner Nase einpacken können. Und jedes Jahr wird er mehr begreifen, was unser Weihnachten ausmacht. Noch wissen wir es selbst nicht. Aber ich hoffe, dass er irgendwann, wenn er groß ist, auch etwas hat, was ihn an Weihnachten erinnert, wie es früher war. Als er noch selbst ein Kind war. Er soll seinen eigenen „brunen Schimmel“ haben. Denn

[Wihnachtenobend goht] uns Gedanken […] no boben, – un goh ook wedder trück, wied trück, bit in uns’ Kinnertied, – un denn hört un seht wie allns wedder, wat wi as Kinn mol hört un seehn hebbt.*

*übersetzt: Am Weihnachtsabend gehen unsere Gedanken nach oben – und gehen 
wieder zurück, weit zurück, bis in unsere Kindheit – und dann hören wir alles wieder, was wir als Kind mal gehört und gesehen haben.“

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