5. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

irgendwann – da bin ich mir recht sicher – wirst du in der Schule über dieses Jahr stolpern: 2020. Vielleicht in einer Statistik in Wirtschaft zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts, vielleicht in einem kontroversen Text in Gemeinschaftskunde über staatliche Interventionen in die Wirtschaft, vielleicht aber auch in Biologie beim Thema „Viren“. So oder so: Dieses Jahr wird in die Geschichte eingehen – als globale „Coronakrise“.

Ich habe das so nicht kommen sehen – und ich denke, dass ich damit nicht allein bin: Wegen einer Infektionskrankheit namens „COVID-19“ (was für coronavirus disease 2019 steht), die wir hier in Deutschland verkürzt „Coronavirus“ nennen, hat sich unser Leben in den letzten drei Monaten total gewandelt.

Alles begann (soweit wir es bisher wissen) Ende 2019 im chinesischen Wuhan, wo das Virus zuerst diagnostiziert wurde. Schnell wurde klar: Das Virus überträgt sich leicht per Tröpfcheninfektion von einem Menschen auf den nächsten – und das teilweise schon vor Beginn der Symptome. Bei den meisten Erwachsenen (und zum Glück bei der Mehrzahl der Kinder) verläuft die Erkrankung milde, aber gerade ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen können schwer erkranken und daran sterben. Und mit älteren Menschen sind auch deine Großeltern gemeint. Es gab weder Medikamente noch eine Impfung gegen diese Krankheit.

Insofern musste schnell gehandelt werden, als sich das Virus über den Globus und schließlich auch in Deutschland verbreitete. Während in anderen Ländern wie Italien und Spanien für Wochen komplette Ausgangssperren verhängt wurden, bestand der „Lockdown“ hier in Deutschland aus der Schließung aller Schulen und Kitas (13.03.2020), sämtlicher Geschäfte (mit Ausnahme der Super- und Drogeriemärkte, Apotheken und Tankstellen) und öffentlichen Einrichtungen (darunter auch Spielplätze, 16.03.2020) und einem Kontaktverbot (22.03.2020).

Die neun Tage von Schul- und Kitaschließungen bis zum Kontaktverbot verfolgten dein Papa und ich wie das Kaninchen vor der Schlange: ängstlich und regungslos. Ungläubig lief ich am Tag nach Schließung quasi aller Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen mit dir durch unsere Stadt und sah die geschlossenen Geschäftstüren und Cafés. Fast niemand war außer uns unterwegs, unsere Schritte hallten dünn über das Kopfsteinpflaster. Noch am Tag zuvor hatten wir uns mit Papa nach einer Radtour auf dem Marktplatz ein Eis geholt – es sollte das letzte Eisdielen-Eis für eine lange Zeit werden.

Als wir an jenem ersten Tag der Schließungen an dem Spielplatz unweit unseres Hauses vorbeikamen, musste ich dir sagen, dass du dort nicht mehr spielen dürftest. Das hast du nicht verstanden. Du warst traurig und hast bitterlich geweint – so gerne hättest du mit deinem Spielzeugbagger im Sand gebuddelt. Ich kniete mich zu dir und nahm dich in den Arm. Ich versuchte dir zu erklären, was da passierte und was ich selbst noch nicht begriffen hatte: dass es da draußen eine Krankheit gibt, die viele Menschen krank macht und dass wir helfen müssen, dass alle gesund bleiben, indem wir Abstand halten und nicht mehr auf den Spielplatz gehen. Meine Erklärung trocknete deine Tränen.

In den folgenden Monaten musstest du auf vieles verzichten: auf den Urlaub mit deinen Eltern auf Mallorca, der für Ostern geplant war; auf ein paar Ferientage im Norden bei den Großeltern; auf Treffen mit deinen Großeltern im Süden; auf Spielplatz-Nachmittage mit deinem besten Freund Tom*; auf Treffen mit deinen Patentanten, auf Vormittage mit deiner Tagesmutter… Du hast es nur selten gezeigt – aber all das hat dir gefehlt.

Dafür hattest du deine Eltern immer um dich. Denn dein Papa und ich waren plötzlich beide im Home Office und damit die ganze Zeit zu Hause. Schnell musstest du aber lernen, dass deine Eltern nur Zeit für dich haben, wenn sie nicht im Arbeitszimmer am Computer sitzen und dass eine Videokonferenz in jedem Fall hieß, dass du still sein musstest. Wir Eltern dagegen mussten lernen, unseren Arbeits- und Familienalltag unter einen Hut zu bekommen. Das fiel uns anfangs noch leicht, weil unsere Arbeitgeber erst einmal auf die digitale Kommunikation umstellen mussten. Außerdem hatte ich da noch die Kraft, meine Arbeitszeit in die frühen Morgenstunden zu verlegen: Während du und Papa noch schlieft, schlich ich mich ins Arbeitszimmer und erledigte die wichtigsten Arbeiten für den Tag. Als meine Energie dafür aber nicht mehr reichte und unsere Arbeitgeber sich auf digitales Arbeiten umgestellt hatten, waren dein Papa und ich jeden Tag Arbeitnehmer und Eltern zugleich. Dadurch wurden wir jeden Tag etwas unausgeschlafener, ungeduldiger, unausgeglichener… Es war sicher nicht immer leicht mit uns.

Wir versuchten, das Beste aus der Situation zu machen und das Positive zu sehen: Immerhin waren wir alle gesund. Immerhin war niemand aus der Familie oder dem Freundeskreis erkrankt. Immerhin hatten Papa und ich beide einen sicheren Job (während viele andere ihren Job verloren und Millionen in die Kurzarbeit gehen mussten). Immerhin konnten wir von zu Hause arbeiten.

Zuerst rettete mir eine Baustelle hier gleich um die Ecke etliche Vormittage, an denen ich nicht wusste, wo ich mit dir hingehen konnte, wo doch Spielplätze gesperrt und die Innenstädte gespenstisch leer waren. So wurde es zu unserem täglichen Ritual, nach dem Frühstück erst einmal mit dem Laufrad (du) und dem Buggy (ich) zur Baustelle zu gehen. Die Baustelle war groß und du warst ganz begeistert von dem riesigen türkisfarbenen Raupenbagger, der eine große Entwässerungsrinne grub. Und mir tat es gut, den Bauarbeitern bei ihrer täglichen Arbeit zuzusehen – scheinbar unberührt und unbeeindruckt vom Coronavirus. Über Wochen war die Baustelle unsere Konstante und der Baggerfahrer begrüßte uns am Ende der Bauphase mit einem Winken mit der großen Schaufel.

An den Nachmittagen ergriffen wir die Flucht ins Grüne: Trotz zum Teil nochmals richtig winterlicher Temperaturen vertrieben wir uns die Tage mit Laufrad/Buggy-Touren zu verwunschenen Seen, durch kantige Steinbrüche, kühle Bachtäler und sonnige Streuobstwiesen. Seit ich selbst Kind war, hatte ich den Beginn des Frühlings nicht mehr so hautnah erlebt, wie in den Monaten, die nun folgten. Auf jeder Tour gab es etwas Neues zu entdecken: erste Blumen, einen Tagpfauenauge, Regenwürmer, Frischlinge, Kaulquappen, Enten-Jungen, Schwanen-Babys… es war toll, dir das alles zeigen und erklären zu können.

Daneben versuchten wir, dir Abwechslung zu bieten: Wir stellten einen Sandkasten auf, der die Hälfte unserer Balkon versperrte, damit du weiter im Sand spielen kannst. Ich pflanzte mit dir Bohnen, Tomaten und Paprika auf der anderen Hälfte. Ich machte Knete selbst und kauften dir Tusch- und Fingerfarben. Dein Papa investierte in eine große Kiste gebrauchter Spielzeugautos und eine neue Tüte Linsen.

Derweil veränderte sich das alltägliche Leben komplett: Im Supermarkt, wo fortan nur noch dein Papa allein einkaufen ging, durfte sich nur noch eine begrenzte Zahl von Menschen gleichzeitig aufhalten. Lebensmittel wie Nudeln oder Hefe und Drogerie-Artikel wie Toilettenpapier wurden rationiert, weil einige Bürger/innen diese aus Panik zu hamstern begannen. Wir mussten (und müssen immer noch) zu allen anderen Menschen mindestens 1,5 Meter Abstand halten. Treffen mit Familie und Freunden waren lange Zeit untersagt und sind immer noch eingeschränkt. Nach jedem Kontakt mit der Außenwelt sollte man sich die Hände mindestens waschen, wenn nicht am besten desinfizieren. Und die Schulen und Kitas blieben weiter geschlossen, da nicht klar war (und ist), welche Rolle Kinder und Jugendliche bei der Weiterverbreitung des Virus spielen.

Es waren einsame Wochen – wir nur zu dritt, du und ich oft allein unterwegs. Du beklagtest dich nie. Wie sehr dir trotzdem dein Freund Tom gefehlt hatte, merkte ich erst, als Toms Mutter und ich es nicht mehr aushielten und uns kurz vor Ende des Kontaktverbots mit euch Jungs im Wald auf einen Spaziergang mit Abstand trafen. Tom und du brauchtet eine ganze Zeit, um euch wieder aneinander heranzutasten. Am Ende aber hattet ihr so viel Spaß dabei, zusammen durch den Wald zu rennen, dass wir alle Tränen lachen mussten. Von da an trafen wir uns jede Woche im Wald. Am 07. Mai fiel dann das Kontaktverbot.

Danach kamen auch deine Großeltern aus dem Süden wieder zu Besuch, um Nachmittage mit dir draußen zu verbringen. Sie wollten es sich nicht länger nehmen lassen, dich zu sehen und mit dir zusammen zu sein. Uns Eltern half das natürlich sehr: Jede Minute, die du mit Oma und Opa unterwegs warst, konnten wir im Home Office verschwinden. Als dann die Schulen für die Abschlussklassen Mitte Mai wieder teilweise öffneten und schließlich die schriftlichen Abiturprüfungen beaufsichtigt werden mussten, half uns auch deine Patentante aus, dich zu betreuen, während dein Papa in Videokonferenzen und ich in der Abiaufsicht saß.

Auch sonst normalisierte sich das Leben wieder etwas: Viele Geschäfte durften schon Mitte April öffnen, inzwischen haben auch Cafés und Restaurants wieder geöffnet. Es ist immer noch alles anders als bisher: Wir Erwachsenen müssen überall – in Läden, beim Bäcker, im Supermarkt, in der Stadtbibliothek, in der Schule – selbstgenähte (in unserem Fall vor allem selbst gekaufte) Mund-Nasen-Masken tragen, Abstand zu anderen halten und uns die Hände desinfizieren. Du nimmst diese komischen Rituale zur Kenntnis, ohne dass es dich groß zu beschäftigen scheint. Nicht mal, als wir zusammen nach dessen Öffnung zum ersten Mal im Zoo waren und ich die ganze Zeit meine Maske tragen musste, hat dich das gewundert. Und dabei stellst du sonst gerade so viele Warum-Fragen!

Zuletzt kehren nun auch langsam die Kinder in die Kitas und Schulen zurück. Heute warst du zum ersten Mal bei deiner Tagesmutter – und es war, als hätte es die lange Pause von 84 Tagen seit deinem letzten Tag in ihrer Obhut nie gegeben. Du bist zwar verhalten, aber doch mit Vorfreude auf deinen Spielkameraden und die vielen Autos dort, morgens losgezogen und zwar erleichtert, aber doch voller Erzählungen mittags in meine Arme gelaufen. Jetzt liegst du schlafend neben mir und erholst dich von dem Neustart. Ich bin sehr stolz auf dich, wie du das heute geschafft hast!

Wie es weitergeht? Wir wissen es nicht. Vor uns liegt eine wirtschaftliche Rezession, der der Staat mit einem über 150 Mrd. Euro teuren Konjunkturpaket begegnen will. Das Virus ist immer noch da, auch wenn in unserem Landkreis täglich nur noch ein bis kein neuer Krankheitsfall hinzukommt. Trotzdem gehen Virologen davon aus, dass wir weiter vorsichtig sein müssen, bis es einen Impfstoff oder wirksame Medikamente gegen das Virus gibt. Und das wird allen Schätzungen nach noch mindestens ein Jahr dauern. So oder so: 2020 wird ein denkwürdiges Jahr bleiben. Du wirst dich nicht mehr daran erinnern, wenn du größer bist. Aber wir werden dir davon erzählen – und davon, wie wir diese Krise gemeinsam gemeistert haben.

In Liebe,

deine Mama

*der in Wirklichkeit anders heißt

4. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

als ich in der zweite Klasse, also acht Jahre alt war, kam deine Oma aufgewühlt von einem Elternabend in der Grundschule zurück. Dort hatte sie erfahren, dass mein geliebter Klassenlehrer Herr Schicht die Schule am Ende des Schuljahres verlassen würde. Das bekümmerte sie sehr – wusste sie doch, dass ich an ihm hing. Die ganze Nacht machte sie deswegen kein Auge zu – und noch heute erzählt sie mir immer wieder von jenem Abend und was für Sorgen sie sich gemacht hatte.

Als junge Erwachsene konnte ich ihre Erzählung immer nur belächeln; wie süß war es doch, dass sich meine Mama wegen so einer Kleinigkeit Sorgen gemacht hatte. Schließlich war meine Grundschulzeit auch ohne Herrn Schicht schön und mir gut in Erinnerung geblieben.

Jetzt, als deine Mama, kann ich die Sorgen meiner eigenen nur zu gut verstehen. Denn gerade stehen wir vor einer ganz ähnlichen Situation: Deine Erzieherin Tina hatte heute ihren letzten Arbeitstag in deiner Krippe. Sie war ein Jahr so etwas wie deine Verbündete in der Kita – hat dich so genommen, wie du bist, deine Bedürfnisse erkannt und ernstgenommen und dich sowohl beim täglichen Abschiedsschmerz als auch bei spontanen Grippeattacken getröstet und im Arm gehalten. Dass Tina heute geht, macht dich traurig. Das hast du mir gesagt – auch wenn du den vollen Umfang des Abschieds noch nicht begreifst. Ich dafür weiß, was er bedeutet. Und könnte heulen.

Ich habe schon mal darüber geschrieben, dass Papa und ich es uns mit der Auswahl deiner Krippe nicht leicht gemacht haben. Am Ende der Krippen-Besichtigungen dachten wir, wir hätten einen sicheren Hafen für dich gefunden. Nach einem Jahr nun sieht alles ganz anders aus: Alle drei Erzieherinnen, die dich im ersten Jahr umsorgt und betreut haben, haben nach und nach deine Krippe verlassen. Heute geht mit Tina die letzte aus dem Team, das dich einst so liebevoll aufgenommen hat.

Es tut mir so unendlich leid, dass du das mitmachen musst – gerade du, der nicht so schnell jemanden an sich heranlässt, dessen Gunst man nur langsam gewinnt und der Abschiede nicht mag. Papa und ich haben viel dafür getan, dass es den Erzieher/innen in deiner Krippe besser geht – am Ende aber konnten wir nicht verhindern, dass sie in andere Einrichtungen wechseln. Warum? Das kann ich dir mal erklären, wenn du größer bist.

Und es tut mir nicht nur leid – mich plagen auch Gewissensbisse: Dass ich dich so früh in die Krippe gegeben habe, weil ich unbedingt an meine jetzige Arbeitsstelle versetzt werden wollte. Dass ich bei der Wahl der Krippe vielleicht doch die falsche Entscheidung getroffen habe.

Papa und ich stecken nun in einer Zwickmühle, die uns nicht schlafen lässt: Sollen wir dich für die nächsten Monate, bis zum Beginn der Kindergartenzeit, aus der Krippe, deinem immerhin noch gewohnten Umfeld, reißen und vielleicht lieber von einer Tagesmutter betreuen lassen? Oder sollen wir dich in der Krippe lassen und darauf hoffen, dass die nächsten neuen Gesichter in deiner Gruppe nett sind und nicht nach drei Monaten das Weite suchen? Wir sind ratlos. Es kommt uns so vor, als könnten wir nur verlieren.

Ich hoffe trotzdem, dass wir einen Weg finden werden, mit dem es dir gutgeht. Damit du irgendwann mit einem Lächeln auf den Lippen diesen Brief liest – weil du so gar nicht nachvollziehen kannst, warum ich mir solche Sorgen gemacht habe.

In Liebe,

deine Mama

3. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

heute habe ich eine Kiste gepackt. Keine besonders schöne, eher so eine pragmatische aus Plastik, die man luftdicht verschließen kann. Keine besonders große, es passen gerade mal zwei gefaltete T-Shirts nebeneinander. Und doch wurde mir ganz schwer ums Herz, als ich die Kiste mit Inhalt füllte. Hinein wanderten nämlich meine Umstandskleider und meine Still-Oberteile. Oder anders: Die Kleidung, die ich die letzten zwei Jahre hauptsächlich getragen habe.

Dabei konnte ich die Klamotten irgendwann echt nicht mehr sehen. Jeden Tag die gleiche Auswahl an Still-Shirts. Jeden Tag die gleiche Mama-Uniform. Allzeit stillbereit.

Das ist jetzt vorbei. Seit ein paar Tagen bist du fast komplett abgestillt – besser gesagt: Ich habe dich abgestillt. Nur noch abends und morgens im Bett stille ich dich. Doch diese Momente der innigen Zweisamkeit werden immer kürzer. Abends nuckelst du nur noch kurz an meiner Brust und weinst dann beleidigt auf, bevor du dich abwendest, auf Papas dickes Daunenkisten legst und einschläfst. Meine Brust willst du nicht mehr – oder du bist zu verwirrt, um sie zu wollen.

Das tut weh, auch wenn ich weiß, dass jetzt einfach der Zeitpunkt ist, loszulassen und dich wieder ein kleines Stückchen mehr auf deinen eigenen Weg zu stupsen. Und ich weiß auch, dass ich jetzt langsam wieder an mich denken muss. Ich wiege fünf Kilogramm weniger als vor der Schwangerschaft und habe seit deiner Geburt nicht eine Nacht durchgeschlafen. Kurzum: Das Stillen ging mir zuletzt echt an die Substanz.

Trotzdem bin ich melancholisch, dass unsere Stillbeziehung nun zu Ende geht. 16 Monate habe ich dich ernährt – erst vollständig, dann irgendwann zusätzlich zur Beikost. Aber Stillen war für mich – für uns – immer mehr als das: Es war unsere kleine Oase im Alltag. Hier haben wir immer zueinander gefunden, uns zusammen ausgeruht und Kraft getankt. Als du noch ein Baby warst, bist du zuverlässig während des Stillens eingeschlafen und ich habe dich in meinen Armen gehalten, immer bedacht darauf, dich nicht zu wecken. Kurzum: Stillen war unser happy place.

Dabei war es am Anfang sehr fraglich, ob wir überhaupt je eine Stillbeziehung aufbauen können. Denn nach deiner Geburt waren auf der Neonatologie erst einmal andere Dinge wichtig: Zuerst musstest du lernen, selbstständig zu atmen und danach, deine Temperatur zu halten. Du warst an viele Geräte angeschlossen, die überwachten, wie du dich dabei schlägst. Genauso penibel protokollierten die Krankenschwestern deine Nahrungsaufnahme – zunächst noch über eine Sonde, dann aus dem Fläschchen. Alle drei Stunden wurdest du zum Trinken geweckt und die Schwestern notierten, wie viel du zu dir genommen hattest, bevor du wieder einschliefst. Ich pumpte emsig meine Muttermilch ab, füllte sie in sterile Flaschen, beschriftete und deponierte sie im Kühlschrank der Neo-Station. Ich weiß noch, wie stolz ich war, wenn ich wieder 100 ml Muttermilch für dich vorbeibringen konnte.

Unsere ersten Stillversuche waren dagegen sehr kläglich. Ich hatte ja keine Ahnung, wie das Anlegen richtig funktionierte und wir beide durften es auch nie lange miteinander versuchen, weil dich das Stillen zu sehr erschöpfte und du aber auf jeden Fall Milch zu dir nehmen musstest, bevor du wieder einschliefst. Dazu musste ich dich vor und nach dem Stillen wiegen, um zu sehen, wie viel Muttermilch in deinem Bäuchlein angekommen war. Die ersten Male war das Ergebnis ernüchternd: Obwohl du wirklich alles gegeben hattest, zeigte die Waage keine Veränderung an.

Zu Hause blieben Papa und ich zunächst dabei, dich mit dem Fläschchen zu füttern – auch wenn mein Wunsch, dich zu stillen, immer größer wurde. Aber wir hatten Angst, dass du vom Stillen nicht satt werden würdest. Außerdem hatte wir auf der Neo-Station ja gelernt, wie wichtig Kontrolle ist – und die konnten wir mit der Fläschenfütterung ja viel besser behalten.

Erst die Gespräche mit meiner Hebamme Sarah* halfen, mich von den Neo-Vorgaben allmählich zu lösen und auf meine Intuition zu vertrauen. Ich begann also, eine Fläschchen-Mahlzeit nach der anderen durch das Stillen zu ersetzen. Das war am Anfang ziemlich schmerzhaft, weil meine Brüste dein Saugen nicht gewöhnt waren. Trotzdem hielt ich es aus. Auch weil ich das Gefühl hatte, etwas bei dir gutmachen zu müssen. Die Geburt, die Zeit auf der Neo – das alles entsprach so wenig dem idealen Beginn einer Mutter-Kind-Bindung, dass ich zeitweilig sogar Angst hatte, dass wir nie ganz zueinander finden würden. Mit dem Stillen wollte ich eine Brücke zu dir schlagen.

Es dauerte insgesamt drei Wochen und viel Geduld, bis aus dir ein vollgestilltes Baby wurde. Wie war ich glücklich, als ich die Fläschchen endlich aus der Küche räumen konnte! Und wie stolz war ich auf uns, dass wir doch noch zum Stillen gefunden hatten (was – so erfuhr ich später von Sarah – bei unserem Neo-Start eher die Ausnahme als die Regel war)! Zwar kaufte ich mir noch eine Milchpumpe, um „auch mal abpumpen und abends weggehen zu können“, aber ich benutzte sie vielleicht ein oder zwei Mal, bevor auch sie wieder in ihrem Karton verschwand. Und du hast dich nie wieder für ein Fläschchen interessiert.

Klar, das Stillen war auch zeitweise echt anstrengend. Ich weiß noch, dass ich eines Tages im Oktober 2017 deine Patentante Anne* anrufen musste, damit sie kam, um mir meine schon vorgekochte Suppe aufzuwärmen, weil du an diesem Tag beschlossen hattest, von morgens bis abends dauergestillt zu werden. Und ich erinnere mich an die Nächte um deinen ersten Geburtstag herum, in denen du wahrscheinlich so viel verarbeiten musstest, dass du jede Stunde Ruhe und Geborgenheit an meiner Brust gesucht hast.

Nichtsdestotrotz werde ich dieses Gefühl, dich zu stillen, nie vergessen. Du an meiner Brust – das war so etwas Inniges, Intimes, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Es ist schwer, das jetzt loszulassen – dich loszulassen. Wir müssen uns einen neuen happy place suchen. Kommst du mit?

In Liebe,

deine Mama

 

* Die in Wirklichkeit anders heißen.

 

 

 

 

2. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

es gibt Entscheidungen im Leben, die man im Nachhinein bereut. So war es zum Beispiel von meinem 17-jährigen Ich damals in der Oberstufe gar nicht mal so clever, auf einer Party sieben Tequila-Shots in kurzer Abfolge in mich reinzukippen (die Folgen kannst du dir – wenn du das hier mal liest – sicher ausmalen! Zu meiner Verteidigung: Ich hatte Mords den Liebeskummer!). Außerdem bereue ich es, nach dem Abitur nicht erst einmal kreuz und quer über unseren Planeten gereist zu sein und stattdessen meine Nase sofort in die Bücher der muffigen Germanisten-Bibliothek gesteckt zu haben. Ach, und das Semester Geographie, das ich meinte studieren zu müssen, weil ich mit meinem Abiturschnitt nicht gleich in das Politikwissenschaftsstudium starten durfte, hätte ich mir in der Retrospektive auch sparen können (und mit ihm das Proseminar bei einem äußerst fiesen Prof). Und warum ich vor wie während des Studiums nie den Mumm hatte, mich an einer Journalistenschule zu bewerben, verstehe ich heute noch nicht.

Es gibt aber auch Entscheidungen im Leben, die ich genauso wieder treffen würde (und das sind in meinem Leben bisher zum Glück die meisten). So war es die richtige Entscheidung schlechthin, damals diesen komischen User namens poelz, den ich beim Chatten bei den MTV Groupies kennengelernt hatte, mal im echten Leben zu treffen… und ja, du wirst die Geschichte sicher schon in und auswendig kennen: Dieser poelz ist dein Papa – und die Liebe meines Lebens. Und auch die Entscheidung, aus dem geliebten Norden in die kleine Unistadt hier zu ziehen, bereue ich nicht, denn inzwischen fühle ich mich auch hier zu Hause.

Die beste Entscheidung in meinem Leben aber war die für dich. Trotz der am Ende nicht leichten Schwangerschaft. Trotz unseres schweren gemeinsamen Starts in der Klinik. Trotz keiner einzigen Nacht ungestörten Schlaf. Trotz aller Entbehrungen – angefangen beim abendlichen Kinobesuch bis hin zu großen Urlauben in fernen Länder. Trotz all der Schmerzen – unter der Geburt, aber auch vom Stillen und vom vielen Tragen. Trotz eines Jahres ohne meine Arbeit, ohne geistige Herausforderungen. Trotz des Gefühls der Einsamkeit an manchen Tagen. Trotz einer total veränderten Partnerschaft, in der dein Papa und ich in erster Linie deine Eltern sind. Einfach: Trotz allem. Ich würde immer wieder Ja zu dir sagen.

Denn von dir habe ich unheimlich viel gelernt. Zum Beispiel das Kochen. Gut, das habe ich nicht von dir gelernt, aber für dich. Früher (vor dir) war ich nie eine begeisterte Köchin. Klar, es gab schon ein paar Rezepte, die ich gerne zubereitet habe, aber streng genommen war die Küche immer das Hoheitsgebiet deines Papas. Das hat sich mit dir geändert. Denn wenn du mit deinen kleinen Händchen im Essen matscht und mit wohlwollenden Brummlauten alles verschlingst, was ich zubereitet habe, dann macht das Kochen für mich plötzlich Sinn.

Und ich gebe viel besser auf mich Acht als früher. Da habe ich in stressigen Zeiten schon mal das Essen vergessen und über die Schmerzgrenze hinaus gearbeitet – was so manches Mal zu einem gesundheitlichen Komplettausfall geführt hat. Seit du die oberste Priorität in meinem Leben bist, hat sich das geändert. Denn gerade am Anfang deines Lebens hast du mich rund um die Uhr gebraucht – da konnte ich nicht schlapp machen. Außerdem lebst du mir vor, wie es geht: Wenn du müde bist, schläfst du, wenn du Hunger hast, hat das Vorrang vor allem anderen. Das sind echt gesunde (und eigentlich auch einfache) Automatismen, die ich mir versuche von dir abzuschauen.

Außerdem lehren mich deine Neugier und dein unermüdlicher Entdeckungsdrang die Kleinigkeiten im Leben, die wir Erwachsenen schon längst für selbstverständlich nehmen, wieder wertzuschätzen. Wenn du zum Beispiel mit deinem Holz-Kran mit Magnet-Aufsatz spielst und feststellst, dass du damit nicht nur die dazugehörigen Klötze, sondern auch deine kleinen Töpfe hochheben kannst, dann staune auch ich über dieses Phänomen, das du später als Magnetismus kennenlernen wirst. Oder wenn du mir jeden Morgen die vielen weißen Blüten an der Orchidee im Schlafzimmer zeigst, dann schaue ich wieder genauer hin und bewundere mit dir diese wirklich schöne Pflanze.

Aber du hast von mir auch Ausdauer und Geduld in einem Maß eingefordert, wie ich bisher nicht kannte (und nicht hatte). Allein die unzähligen Abende, an denen ich mit dir darauf gewartet habe, dass dich der Schlaf übermannt, haben mir so viel Langmut abverlangt, dass ich mich über mich selbst wundere. Und wenn es dir mal schlecht geht und du auf meinem Arm weinst, entwickle ich – selbst bei totaler Übermüdung – noch Kräfte, von denen ich nie etwas geahnt habe.

Vor allem aber hast du mir eins beigebracht: bedingungslose Liebe. Klar, auch deinen Papa liebe ich über alles. Aber für dich würde ich alles tun – ohne, dass du etwas dafür tun musst oder ich etwas dafür erwarte.  For you I’d bleed myself dry. Das ist, so glaube ich, bedingungslose Liebe in ihrer reinsten Form.

Ich schreibe dir das alles nicht ohne Grund. Heute ist dein erster Geburtstag. Heute vor einem Jahr habe ich dich geboren. Heute vor einem Jahr hast du dich ins Leben gekämpft. Heute vor einem Jahr hat sich alles verändert. Und ich möchte keinen Augenblick davon missen. Dich nicht missen. Nie mehr.

In Liebe,

deine Mama

1E2C4D39-4216-43F5-9E7A-862A04EA3FB9.jpeg

 

1. Brief

Briefe an Krumpfz

Mein lieber Krumpfzbolle,

jetzt bist du schon länger bei uns als du in meinem Bauch warst und so langsam wird aus dem schläfrigen Baby vom Anfang ein energiegeladenes Kleinkind. Seit du deine zweite Erkältung um Ostern herum tapfer überstanden hast, bist du sehr aktiv: Unentwegt kugelst und robbst du dich über deine Spieldecke (letzteres vornehmlich rückwärts). Gleichzeitig zeigst du mir immer mehr, was dich ausmacht. Ab und zu spekulieren dein Vater und ich darüber, wie du wohl mal sein wirst, wenn du groß bist. Ich will das heute mal aufschreiben – du darfst dann später, wenn du das hier liest, gerne laut darüber lachen.

Zunächst einmal kommst du ganz nach mir, denn du machst alles mit links. Mit deinem kleinen linken Händchen angelst du nach allem, was dich interessiert: nach meiner Brille (die zu teuer ist, um sie dir zum Spielen zu geben), nach dem Geschirr auf dem Tisch (natürlich nicht nach deinem aus Plastik!), nach Fiete, dem Fuchs (deiner Spieluhr, die dich eigentlich müde machen sollte) und nach Papas Bart (der langsam grau wird – aber psssst!). Mit der linken Hand greifst du auch nach deinen Stapelbechern oder deinen „Linkis“ und drehst sie hin und her, bevor du sie mit Wucht auf unserem Parkettboden springen lässt. Und auch deinen Luftballonball traktierst du mit der linken Hand. Deshalb steht für mich fest: Du wirst mal ein Linkshänder. Wie ich.

Dann ist da deine Vorliebe für Stoffe. Du liebst deine Spucktücher! Egal, wie schlecht du drauf bist, mit einem Spucktuch kann man dich immer zum Jauchzen bringen. Ich muss es nur über dir hin- und herschwenken, und schon wirst du ganz aufgeregt. Wenn ich es dann mit einem „Hui! Wo ist der Krumpfz?“ auf dich fallen lasse und das Tuch dein Gesicht bedeckt, schlägst du es sofort mit beiden Händchen weg und lachst mich an. Manchmal wartest du damit etwas und ich tue dann so, als ob ich dich suchen müsste. Das findest du witzig. Total zappelig wirst du auch, wenn Papa und ich über dir Bettwäsche zusammenlegen. So ein großes Tuch findest du spannend und wenn wir dich damit kurz ganz zu- und dann wieder aufdecken, giekst du vor Freude. Papa und ich spekulieren deshalb, dass du später ein Tuchhändler wirst. Da der Beruf allerdings nicht mehr so lukrativ ist, könnte es auch sein, dass du einfach nur ein Faible für Mode entwickelst. Oder zumindest für schöne Bettwäsche.

Und auch wenn du beim Breiessen momentan gerne mal streikst, glaube ich, dass du ein guter Esser wirst. Schließlich hast du bisher keinen einzigen Brei, den ich für dich gekocht habe, ganz verschmäht. Gut, der erste Spinatbrei war nicht so deins, aber der war auch wirklich sehr grün! In kleinen Dosen findest du sogar dieses Horrorgemüse aller Kleinkinder lecker. Daneben magst du Fisch, Rindfleisch, rote Beete, Fenchel, Pastinaken, Zucchini, Kohlrabi, Brokkoli, Karotten, Süßkartoffeln, Kürbis und Kartoffeln – ich finde, für einen acht Monate alten Jungen ist das eine super Bilanz!

Außerdem bist du – so glauben wir als deine Eltern es zumindest – definitiv introvertiert (was nicht groß verwunden dürfte, denn wir sind es auch). Anderen Menschen begegnest du zunächst abwartend und es dauert immer eine Weile, bis sie sich deine Gunst erkämpft haben (Deine Großeltern kennen das zu genüge – und geben trotzdem nicht auf!). Wenn wir unterwegs sind, betrachtest du alles um dich herum mit einem höchst konzentrierten, ernsten Blick. Wenn dich etwas erschreckt, weinst du und musst dich ganz doll an mich kuscheln (gerne mit der Stirn voran in meinen Brustkorb). Zu Hause ist das ganz anders. Hier lachst du oft und lässt dich von unserer Albernheit anstecken. Du magst es, auf unserem Schoß zu hüpfen, spielst mit mir Schotterwagen-Fahren, liebst es, durchgekitzelt zu werden und mit einem von uns auf dem Sofa herumzurollen. Wenn ich in der Küche koche und du mir von deinem Autositz aus zusiehst, erzählst du mir meistens etwas und strahlst mich an, wenn ich dir in deiner Sprache antworte. Ich hoffe, dass das so bleiben wird. Dass du mir immer so offen begegnest, wie du es gerade tust. Und ich glaube, dass du später – genau wie dein Papa und ich – ein eher zurückhaltender Mensch sein wirst. Du wirst nicht der Klassenclown sein, der alle unterhält. Oder der Draufgänger, der den Ton angibt. Du wirst immer dabei sein, aber nie mittendrin. Und das wird völlig okay sein, glaub mir.

Zum Schluss noch etwas Banales: Du wirst groß werden. Größer als ich und – spätestens wenn wir alt und grau sind – größer als dein Papa. Denn schon jetzt trägst du Größe 74 und hast (das kann man nicht anders sagen) echte Quadratlatschen. Es wird also der Tag kommen, an dem du mich – deine kleine Mutter – in den Arm nimmst und dabei meine Brille gegen deine Brust und gleichzeitig mein Gesicht drückst, so dass ich sie danach putzen muss (und nicht etwa, weil ich dann eine Träne der Rührung verdrückt habe).

Vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – habe ich aber eh nicht Recht und du wirst ganz anders, als ich es mir gerade ausmale. Und das ist auch gut so, denn es wäre ja schlimm, wenn du jetzt schon komplett durchschaubar wärst! Aber egal, was einmal aus dir wird: „Auf einem Platz in meinem Herz steht dein Name an der Wand. […] Ich werde immer an dich glauben, egal was auch passiert.“ (Tomte)

In Liebe,

Deine Mama