Der freiberufliche Traktorfahrer

Allgemein

Als Krumpfz‘ noch zur Tagesmutter ging, verging kein Tag ohne Bauer Toni. Bauer Toni ist der Nachbar von Krumpfz‘ Tagesmutter und sein Hof liegt gegenüber ihres Hauses. Bauer Toni hat Pferde, Kühe, einen neuen, roten Massey Furgson, einen alten roten Schlepper – und offenbar so viele Felder zu bestellen, dass kaum ein Tag bei der Tagesmutter verging, beim dem Krumpfz‘ nicht von der Abfahrt des Bauern auf seinem Massey Furgson (samt diverser Anhängsel) berichtete. Selbst jetzt, wo Krumpfz schon in den Kindergarten geht, winkt er Bauer Toni noch immer fröhlich zu, wenn wir an seinem Bauernhof vorbeifahren. Nicht, dass Bauer Toni davon wüsste – das macht aber Krumpfz nichts aus. Er winkt.

Dementsprechend hat Krumpfz‘ Berufsfindungsprozess nun ein abruptes Ende gefunden: „Wenn ich groß bin, werde ich Traktorfahrer!“, sagt Krumpfz nun immer, wenn es um sein Wachstum geht. Wobei Großsein hier bedeutet, so groß wie sein Opa Micha zu werden.

Am liebsten würde Krumpfz aber sofort Traktorfahrer werden und Bauer Toni auf den Feldern helfen. Neulich fragte er mich deshalb darüber aus, was man eigentlich braucht, um Traktorfahrer zu werden. „Naja, zunächst musst du so lange Beine haben, dass du auch an das Gaspedal, Kupplung und Bremse kommst…“, begann ich. „Ich bin schon gewachsen!“, fiel mir Krumpfz ins Wort. „… und du brauchst einen Führerschein.“ „Wenn ich keinen Führerschein habe?“ „Dann kommt die Polizei und schimpft und du bekommst eine Strafe.“

Wohl wegen der Vorstellung, es mit der schimpfenden Polizei zu tun zu bekommen, will Krumpfz jetzt doch warten, bis er groß genug ist, um den Traktor-Führerschein zu machen. Danach will er für immer Traktor fahren – und zwar sowohl auf dem Bauernhof, als auch auf der Baustelle. Die passende Berufsbezeichnung wäre demnach „freiberuflicher Traktorfahrer“. Die Idee, einen Bauernhof zu haben, findet er dagegen nicht mehr so attraktiv wie noch vor ein paar Monaten.

Sein Leben als Großer soll stattdessen vor allem vom Traktorfahren bestimmt werden. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für anderes. Vor zwei Wochen etwa entspann sich darum folgender Dialog beim Ins-Bett-Bringen:

Krumpfz: „Mama, bleib‘ bei mich!“

Ich: „Ich gehe doch nicht weg!“

Krumpfz: „Wann warst du denn schon mal weg?“

Ich: „Letztes Jahr war ich mit Papa mal eine Nacht weg auf einem Konzert in Luxemburg und Oma und Opa haben auf dich aufgepasst.“

Krumpfz: „Warum in Luxemburg?“

Ich: „Weil da eine Band gespielt hat, die wir sehr mögen.“ (deus, um genau zu sein.)

Krumpfz: „Warum warst du da?“

Ich: „Weil so ein Konzert Spaß macht. Da spielt die Band auf der Bühne und man kann hüpfen, tanzen und mitsingen. Wenn du größer bist, nehmen wir dich mal mit auf ein Konzert.“

Krumpfz: „Neeeeein. Ich will doch Traktorfahrer werden! Oh, Mama!“

Ähnlich entrüstet reagierte Krumpfz, als ich ihm im Badezimmer, wo sein Papa lautstark einen amerikanischen NFL-Podcast hörte, Tage später vorschlug, irgendwann Englisch zu lernen. „Nein, Mama, ich will das nicht! Ich will Traktorfahrer werden.“ Selbst der Idee, später der Freiwilligen Feuerwehr beizutreten (so wie es sein Kindergartenfreund Bob* vorhat), konnte Krumpfz nichts abgewinnen: „Ich will doch Traktorfahrer werden! Mann, Mama!“

Naja, Bauer Toni würde sich in 13 Jahren sicher über einen Auszubildenden freuen – der dann auch bei ihm einziehen will (so zumindest Krumpfz‘ Plan). Vielleicht sollte ich die Bewerbungsunterlagen schon vorbereiten? Ein Empfehlungsschreiben hätte Krumpfz ja jetzt schon – nämlich diesen Text.

*der in Wirklichkeit anders heißt

Eingewöhnung, die dritte

Allgemein

„Du kannst dann jetzt gehen“, sagte Krumpfz und sah mir fest in die Augen. „Okay…“, sagte ich und zögerte. „Sollen wir nicht lieber noch warten, bis Mone* wieder da ist?“ „Nö!“

Es war Krumpfz‘ achter Tag im Kindergarten, als beim Abschied von mir keine Tränen mehr flossen. Zwar winkte mir Krumpfz‘ am Ende doch noch auf dem Arm seiner Erzieherin hinterher, als ich den Kindergarten verließ – allerdings leicht mechanisch mit dem Blick auf den Gruppenraum der Regenbogen-Kinder gerichtet und in Gedanken schon in der Bauecke.

Dass die Eingewöhnung in den Kindergarten nach einer guten Woche quasi abgeschlossen sein könnte, hätte ich vorher allenfalls insgeheim gehofft. Denn nach Monaten, in denen mein Mann, Krumpfz und ich wegen der Corona-Pandemie fast immer zu Hause waren, und den langen Sommerferien, die vor allem aus drei Wochen gemeinsamer Urlaubszeit bestanden, war Krumpfz so an uns Eltern gewöhnt, dass es für ihn hätte immer so weitergehen können.

„Mama, bleib‘ bei mich!“ war folglich in den Sommerferien auch einer der häufigsten Sätze meines Sohnes. An Tagen, an denen er besonders aufgeregt war, durfte ich teilweise nicht von seiner Seite weichen. Und davon gab es im August viele: der Tag vor Krumpfz‘ Geburtstag, Krumpfz‘ Geburtstag, der Tag vor der Abreise in den Norden zu meinen Eltern, der Tag vor der Abreise an die Nordsee, der Tag vor der Rückfahrt zum Haus meiner Eltern, der Tag vor der Rückfahrt nach Hause, der Tag vor dem ersten Tag im Kindergarten… Kurz gesagt: Ich war Krumpfz‘ sicherer Hafen in spannenden Zeiten – und nervlich manchmal ganz schön am Limit.

Weil Krumpfz so auf mich fixiert war, setze ich (wie gesagt) keine großen Hoffnungen in eine schnelle Kindergarten-Eingewöhnung – unsere erste gemeinsame (die Eingewöhnungen waren bisher Papa-Sache gewesen). Zum Glück zeigten die Erzieherinnen (trotz diverser anders lautender Corona-Verordnungen) großes Verständnis für Krumpfz‘ bisher eher holprige Fremdbetreuungskarriere und sein Bedürfnis nach langsamem Kennenlernen.

Um ehrlich zu sein: Sie hatten deutlich mehr Geduld mit ihm als ich. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, entspannt zu bleiben, war ich schon am dritten Tag frustriert, weil Krumpfz nach zwei Stunden mit mir im Kindergarten nach Hause wollte, während die beiden anderen Kinder, die zur gleichen Zeit eingewöhnt wurden, schon allein bis nach dem Mittagessen im Kindergarten blieben. Mein gesamtes Repertoire an Abwehrmechanismen für solche Vergleiche war plötzlich lahmgelegt und ich ärgerte mich nun auch noch über mich selbst. Erst meine Freundin Lilo* konnte meinem Groll etwas entgegensetzen: „Er braucht die Zeit… und deine Begleitung. Und jeder hat seine Stärken und Schwächen“, schrieb sie mir, nachdem ich meinen Frust in ein paar knappen WhatsApp-Nachrichten bei ihr abgeladen hatte. Und weiter: „Ich glaube, man muss damit umgehen lernen, das ist die Challenge für uns!“

Krumpfz am ersten Tag auf dem Weg zum Gruppenraum.

Sie hatte ja so Recht! Also versuchte ich einfach, alle Erwartungen, Hoffnungen, Befürchtungen und Sorgen auszublenden und ging weiter mit Krumpfz‘ in den Kindergarten. Dort saß ich (coronaverordnungskonform) mit Mund-Nasen-Schutz auf einem der kleinen Stühle und langweilte mich. Denn Krumpfz‘ war meist mit Mone lesen, essen oder in der Bauecke. Währenddessen baute ich mit Mila* Bauklotz-Türme auf meinen Füßen, spielte „Kuckuck!“ mit Tiana*, half Julian* in die Regenhose und Arold* beim Aufräumen.

Wehe aber, ich wollte den Raum verlassen! „Mama, bleib bei mich!“ Am vierten Tag der Eingewöhnung durfte ich nicht einmal allein auf Toilette gehen – Krumpfz‘ musste mit. Dass ich den Kindergarten verlassen durfte, schob er folglich immer weiter vor sich her: „Erst noch ein Buch lesen!“, „Erst, wenn wir in den Garten gehen!“, „Erst, wenn ich dir den Garten gezeigt habe!“. Am Ende der ersten Woche blieb ich schließlich ganz.

Mone* und ich beschlossen deshalb, Krumpfz zu Beginn der zweiten Woche vor vollendete Tatsachen zu stellen: Nach einer halben Stunde im Kindergarten und einer gemeinsamen Lektüre von „Charly bei der Feuerwehr“ erklärte ich Krumpfz, dass ich nun zur Arbeit gehen müsste (was ich nicht sagte: dass das in diesem Fall mein Schreibtisch zu Hause war). Er war sichtlich traurig: „Mama bleib‘ bei mich!“, flehte er mich an, dicke Tränen weinend. Ich schulterte trotzdem meinen Rucksack, nahm Krumpfz auf und in den Arm und trug ihn über den Außenbalkon vor dem Gruppenraum bis zur Treppe in den Garten. Dort musste ich ihn mit etwas Nachdruck Mone* in die Arme schieben und mich von ihm lösen. Noch immer weinte Krumpfz. Erst das gemeinsame Winken vom Balkon half ihm ein bisschen über den Abschied hinweg.

Kaum war ich zu Hause, klingelte mein Handy. Ich erschrak: Das Display zeigte die Nummer des Kindergartens an. „Hallo?“, sagte ich fragend ins Mikrofon. „Hallo, hier ist Mone!“ Oh nein, dachte ich, das hat nicht geklappt! „Ich wollte nur kurz bescheid sagen: Krumpfz hat sich sofort beruhigt, nachdem Sie um die Ecke verschwunden waren und jetzt spielt er in der Bauecke.“ Ich war erleichtert – und konnte tatsächlich arbeiten!

Am nächsten Tag schaffte Krumpfz den Abschied dann schon fast ohne Tränen. Und gestern war es dann so weit, dass Krumpfz mich, nachdem ich ihm zwei Bücher („Zauberklang der Ritterzeit“, „Wo wohnt der Osterhase?“) vorgelesen hatte, einfach nach Hause schickte. Zurück kam er gut gelaunt („Im Kindergarten ist es schön.“), etwas überdreht („Tschutschu fährt die Bombelbahn!“) und mit ersten neuen Wörtern („Bäh!“ als Ausdruck für Ekel vor allerlei Essen, das er eigentlich mag). Daran müssen wir Eltern uns jetzt wohl im Gegenzug auch gewöhnen.

*die/der in Wirklichkeit anders heißt

Fuchsi und der Taucher

Allgemein

Ich bin in einem Haus voller Geschichten großgeworden. Seit ich denken kann, hat mir meine Mutter – auf dem Fußboden des Kinderzimmers sitzend, den Rücken an die in kalten Monaten wärmende Heizung gelehnt – jeden Abend aus Büchern vorgelesen. Vor allem an unsere Ausflüge in die Welt Astrid Lindgrens habe ich zum Teil noch lebhafte Erinnerungen – so zum Beispiel an den Abend, als wir am Ende der Geschichte der „Brüder Löwenherz“ beide vor Rührung weinen mussten.

Mein Vater hingegen hat mir nicht so oft Geschichten vorgelesen – er hat sie lieber selbst erfunden. Meistens war das sonntags der Fall, wenn ich mich zu ihm ins Bett meiner Eltern kuscheln durfte, um Mittagsschlaf zu machen. Von letzterer Vorgabe war ich nie wirklich begeistert, weswegen ich meinen Vater immer dazu zu überreden versuchte, mir eine Geschichte nach der anderen zu erzählen. Um aus dieser Misere einen Ausweg zu finden – und um mich zu ärgern – erfand mein Vater deshalb irgendwann die „Geschichte vom Taucher“, die in ihrer Reinform folgendermaßen geht:

„Es war einmal ein Taucher – gluckgluck, weg war er!“

Ich war natürlich als Kind immer schrecklich empört, wenn mein Vater auf meine Aufforderung nach einer Geschichte erstmal den blöden Taucher hervorholte – und das zunehmend eingebettet in zunächst vielversprechende Geschichtsanfänge. Ich erinnere mich zum Beispiel an folgende Taucher-Episode: „Es war einmal an einem wunderschönen, sonnigen Morgen. Auf einer Wiese, auf der viele Blumen wuchsen, lag noch der Tau. Auf einem Blatt war ein besonders großer Tautropfen, der im Sonnenlicht nur so funkelte. Und da hinein sprang ein Taucher – gluckgluck, weg war er!“ Nichtsdestotrotz blieb der Taucher Teil unseres Geschichtenuniversums.

Seit letztem Herbst hat nun Krumpfz auch seinen ganz persönlichen Geschichtenheld: Fuchsi. Alles fing damit an, dass wir im Spätsommer auf einem der unzähligen Kinderkleiderbasare waren und dort eine Frau, die „Fit Dank Baby“-Kurse bewarb, in der Schlange der Wartenden vor der Halle kostenlose Werbetütchen verteilte. Darin fand sich neben allerlei Nutzlosem auch eine kleine Fingerpuppe: ein roter Fuchs. Krumpfz wollte sie natürlich sofort haben und schon auf der Fahrt nach Hause ließ er sie nicht mehr los. Wir nannten den Fuchs – kreativ wie wir sind – Fuchsi. Er wurde zu Krumpfz‘ treuem Begleiter.

Fuchsi musste fortan überall mit hin – vor allem aber mit ins Bett. Vergaßen wir zum Beispiel, Fuchsi morgens mit in die Kita zu geben, war Krumpfz kaum zu einem Mittagsschlaf zu bewegen. Auch abends musste Fuchsi – zusammen mit allerlei Spielzeugautos und gut zugedeckt – mit in unserem Bett einschlafen.

Umso größer war der Schock, als ich Krumpfz eines regnerischen Morgens ausnahmsweise mit dem Auto zur Kita brachte und in der Hektik irgendwo Fuchsi verlor. Schon beim Abgeben meines Sohnes in der Kita merkte Krumpfz, dass Fuchsi nicht da war. Ich versicherte ihm, dass ich Fuchsi bestimmt wiederfinden würde, bis ich Krumpfz wieder abholen würde. Doch obwohl ich anschließend den Hof vor der Kita, das gesamte Auto und unsere Garage bis in die hintersten Winkel durchsuchte – Fuchsi blieb verschwunden. Ein weinendes Kind und schlaflose Nächte vor Augen beauftragte ich meinen Mann umgehend mit der Bestellung eines neuen Fuchsi-Exemplars im Internet.

Tatsächlich blieb der alte Fuchsi verschwunden – so dass wir sehr froh waren, dass der neue Fuchsi dank Express-Lieferung schon zwei Tage später bei uns eintraf. Zum Glück nahm Krumpfz den neuen Fuchsi ohne mit der Wimper zu zucken an und schloss ihn genauso ins Herz wie seinen Vorgänger.

Allerdings war Fuchsi nicht allein geliefert worden: Ihn gibt es nur in einem Paket mit zwei anderen Fingerpuppen – einem Frosch („Fröschli“) und einem Eichhörnchen („Hansi“) – zu kaufen. Beide Puppen hoben wir Eltern für den Adventskalender auf, aus dem sie Krumpfz in der Weihnachtszeit schließlich etwas zerknautscht befreite.

Bereits vorher begannen wir – oder besser gesagt: vor allem mein Mann – Geschichten rund um Fuchsi zu spinnen. Jede Geschichte beginnt dabei so:

„Es war einmal ein kleiner roter Fuchs, der wohnte mit seiner Familie unter einer alten Eiche. Und sein Name war: Fuchsi.“

Oft bestimmt Krumpfz, wie die Geschichte weitergeht – was dazu führt, dass Fuchsi regelmäßig mit dem Traktor des Bauern von nebenan unterwegs ist. Mal muss er eine vom Sturm umgewehte Eiche mit dem Forsttraktor abtransportieren, mal mit Traktor und Pflug dem Bauern auf dem Feld helfen. Natürlich kann Fuchsi auch noch allerhand andere Fahrzeuge fahren. Neulich erst hat er mit einem Bagger einen Krötentunnel ausgehoben. Mit dabei sind auch seine Freunde Fröschli, Hansi und Pu (dem Bären – einem Relikt aus frühen Tagen unserer Beziehung), die inzwischen auch allerlei Fahrzeuge fahren können.

Krumpfz ist folglich ziemlich begeistert von Papas Fuchsi-Geschichten und kann – vor allem abends, wenn er partout nicht schlafen gehen will – gar nicht genug davon bekommen. „Noch eine allerletzte!“, fordert er also, kaum dass mein Mann eine Fuchsi-Geschichte zu Ende gebracht hat. Natürlich ist die allerletzte Geschichte dann aber immer noch nicht genug und Krumpfz will „Noch eine allerletzte!“.

Das hat nun vor gut zwei Wochen dazu geführt, dass ich – als ich „noch eine allerletzte“ Geschichte erzählen sollte – einfach in die elterliche Trickkiste gegriffen und die Taucher-Geschichte erzählt habe. Beim ersten Mal war Krumpfz einfach nur verdutzt. Nach ein paar weiteren Taucher-Geschichten (an den nächsten Tagen) aber kapierte er langsam, dass der Taucher jede Erzählung abrupt beendet. Deswegen wünscht sich Krumpfz jetzt immer „Noch eine allerletzte – mit ohne Taucher!“. Ich kann es natürlich trotzdem nicht lassen, ihm immer mal wieder einen Taucher unterzujubeln. Denn so ein Taucher darf in keinem Geschichtenuniversum fehlen.

Vom Groß-Sein

Allgemein

Wenn Kinder klein sind, wollen sie irgendwann auch immer eins: Großsein. Auch Krumpfz treibt dieser Wunsch seit einigen Wochen um. Und er hat schon ganz konkrete Pläne: Wenn er mal groß ist, will er endlich unser gelbes Auto selbst in die Garage fahren. Und mit Papa Minigolf spielen. Und nach Amerika reisen. Und einen John Deere kaufen. Hier eine kleine Auswahl unserer Zukunftsgespräche mit dem Sohnemann.

Über Berufswünsche

Krumpfz und ich schauen das Buch „Ich hab einen Freund, der ist Lokführer“ an. Es endet mit „Wenn ich groß bin, will ich auch Lokomotivführer werden.“

Ich: „Und Krumpfz, was willst du mal werden, wenn du groß bist?“

Krumpfz: „Mama sagen!“

Ich: „Ich? Ich weiß doch nicht, was du werden willst. Ich kann dir was vorschlagen.“ Ich gehe die bekannten Berufe durch: Tierpfleger, Müllmann, Pilot, Baggerfahrer…

Krumpfz: „Baggerfahrer!“

Ich (latent suggestiv): „…oder Bauer, da kannst du dann jeden Tag Traktor fahren.“

Krumpfz: „Wenn Krumpfz größer ist, Bauer werden will!“

Ich: „Okay! Und was für einen Traktor willst du dann haben?“

Krumpfz (emphatisch): „Einen John Deere mit Anhänger!“

Ich: „Und willst du auch Tiere haben?“

Krumpfz: „Schafe!“

Papa: „Auch Hühner?“

Krumpfz: „Nein! Nur Schafe!“


Über Festivalbesuche

Krumpfz begleitet mich (wie so oft) auf die (Gäste-) Toilette. Am Spiegel hängen die alten Festival-Bändchen von meinem Mann und mir.

Krumpfz: „Krumpfz Grünes und Blaues haben will!“

Ich: „Okay, aber nur die beiden! Das sind alte Festival-Bändchen, die sollen nicht verloren gehen!“

Krumpfz: „Ja.“

Ich: „Weißt du, was ein Festival ist?“

Krumpfz (wie immer bei einer solchen Frage selbstbewusst): „Ja!“

Ich (wohl wissend, dass er keine Ahnung hat): „Bei Festivals wird Musik gespielt. Von Musikern auf der Bühne. Mit Instrumenten wie Schlagzeug und Gitarre. Also nicht von CD, sondern in echt. Und da gehen ganz viele Menschen hin, um sich die Musik anzuhören. Die übernachten da dafür sogar in Zelten.“

Krumpfz: „Wenn Krumpfz größer ist…“ (hält inne)

Ich: „…willst du auch auf ein Festival?“

Krumpfz: „Ja.“

Ich: „Und willst du da dann auch zelten?“

Krumpfz: „Nein.“

Ich: „Ah, du willst nur die Musik anhören?“

Krumpfz: „Nein.“

Vielleicht ist Krumpfz dann doch nicht so der Festival-Typ.


Vom Heiraten

Krumpfz und ich schauen uns zum wiederholten Mal das Wimmelbuch zum nächstgelegenen Zoo an. Auf Seite 2: eine Brautpaar, das gerade geheiratet hat (Was im Zoo heutzutage alles so machen kann!).

Krumpfz: „Die beiden verheiratet.“

Ich: „Ja, die haben gerade geheiratet. Mama und Papa sind auch verheiratet – guck, Mama trägt wie Papa einen Ring, der zeigt, dass wir zusammengehören.“

Krumpfz: „Wenn Krumpfz ganz größer ist, dann auch verheiraten.“

Ich: „Okay, und wen willst du heiraten?“

Krumpfz: „Papa!“

Linsen pinsen

Allgemein

Wir wohnen hier ja mitten im Schwäbischen. Das bedeutet nicht nur, dass hier alle alles außer Hochdeutsch können, sondern auch, dass wir eine enge kulinarische Beziehung zu Linsen haben. Denn eins lernt man als „Neig’schmeckte“ hier schnell: Linsen mit Spätzle gehen immer! Sie sind die sichere Bank, wenn man irgendwo zum Essen einkehrt und sich der Künste des Kochs nicht sicher sein kann. Selbst die Mensa unserer Unistadt konnte viele Gerichte bis zur Unkenntlichkeit verkochen – Linsen und Spätzle hingegen trotzten selbst der gröbsten Behandlung durch das mürrische Küchenpersonal und waren immer genießbar.

Zu Hause haben wir Linsen mit Spätzle noch nie selbst gekocht. Nichtsdestotrotz haben Linsen inzwischen Einzug in unseren Alltag gehalten. Und zwar als Spielmaterial.

Alles begann mit Krumpfz‘ Leidenschaft für Spielzeugautos. Kaum war er in die Krippe eingewöhnt, entdeckte er die kleinen Autos, Baustellenfahrzeuge und Landmaschinen für sich. Zu Hause hatten wir noch streng darauf geachtet, dass Krumpfz keines dieser Miniaturvehikel in die Hände bekommt – schließlich stand auf jeder Verpackung, dass diese kein Spielzeug für Kinder unter drei Jahren seien! Als sich unser Sohn jedoch jeden Morgen in der Kita sofort zu Plastik-Parkgarage und Fahrzeugkiste aufmachte und die Erzieherinnen dies mit entspannter Miene begleiteten, gaben wir auch zu Hause langsam nach. Den ersten kleinen Bagger brachten Krumpfz und ich aus dem hiesigen Second-Hand-Laden mit. Der Baggerarm war schon ziemlich ausgeleiert und an der Schaufel fehlten bereits zwei Zähne. Trotzdem war dieser gelbe Minibagger fortan Krumpfz‘ großes Glück. Ich erinnere mich noch, dass er ihn teilweise zum Einschlafen mit ins Bett nahm (und ich dann nachts wach wurde, weil mir plötzlich der Metallkörper des Baggers in die Seite piekste). Auch in unseren Fasnetsflucht-Urlaub auf Mallorca vor einem Jahr trug Krumpfz den kleinen Bagger so gut wie immer bei sich – bis schließlich die Schaufel ganz abbrach und der Bagger damit quasi seine Bestimmung verlor.

Zurück in der Heimat wurde der gelbe Minibagger durch das exakt gleiche Modell ersetzt. Zudem führte die anbrechende Flohmarkt-Saison gepaart mit einer anhaltenden Begeisterung für alles, was Räder hat, dazu, dass Krumpfz‘ Fuhrpark stetig wuchs. Jetzt, gut ein Jahr später, zähle ich hier 84 kleine Rennautos, Traktoren, Nutzfahrzeuge, Bagger, Kipplaster, Anhänger und was nicht noch alles. Und da sind die Bruder-, Playmobil- und Duplo-Fahrzeuge noch gar nicht mitgezählt.

Parallel zum wachsenden Fuhrpark entdeckte Krumpfz in der Krippe eine große Wanne voller Reis für sich: Die „Reissteine“ konnte man prima mit dem Minibagger in die Kipplaster und Anhänger schaufeln – was Krumpfz mit einer so großen Ausdauer und Begeisterung betrieb, dass wir schließlich auch zu Hause ein Tablett mit Reis zum Schaufeln bereitstellten.

Allerdings wurden wir Eltern schnell der Illusion beraubt, dass der Reis auf dem Tablett blieb. Fortan mussten wir abends nicht nur Kieselsteine, sondern auch noch Reiskörner vom Wohnzimmer-Boden aufklauben. Deswegen verschwand das Reistablett recht bald wieder.

Irgendwann im letzten Herbst aber kam mein Mann nach einem Einkauf im Supermarkt mit einer Packung Linsen nach Hause – natürlich nicht zum Kochen, sondern für Krumpfz. Schließlich sähen die Linsen viel mehr nach Baustelle aus, als der Reis, argumentierte er.

Seither sind ca. 350 Gramm Linsen (Gewicht täglich abnehmend!) Krumpfz‘ tägliches Spielmaterial. Schon morgens nach dem Aufstehen fordert Krumpfz uns zum „Linsen spielen“ auf, was bedeutet, dass die am Vorabend mühevoll zusammengeklaubten Linsen auf einen Haufen geschüttet und dann mit allerlei Baustellenfahrzeugen bearbeitet werden. Wir Eltern bekommen dafür in der Regel den alten, gelben Radlader zugewiesen, in dessen Schaufel nur ca. 10 Linsen passen. Mit diesem dürfen wir damit mühevoll einen Kipplaster beladen, den Krumpfz dann an fast identischer Stelle wieder entleert. Währenddessen schaufelt Krumpfz mit dem großen Radlader und Bagger ebenfalls Linsen in Traktor-Anhänger und John-Deere-Kipper, die dann auch an gleicher Stelle ihre Ladung wieder auskippen. Für einen Erwachsenen (mich) macht das keinen Sinn, für Krumpfz aber ist es scheinbar die erfüllendste Aufgabe überhaupt. Stundenlang baggert er Linsen von A nach A. Mit seinem Papa hat er längst seinen eigenen Begriff für diese Tätigkeit entwickelt: das „Linsenpinsen“.

Anfangs hat mich das „Linsenpinsen“ schrecklich gelangweilt – das Baggern ohne Ziel erschien mir als reine Zeitverschwendung. Nachdem Krumpfz aber im letzten Monat sowohl Magen-Darm- als auch grippekrank war und teilweise vor Wut über die Erkrankung die Linsen wirklich überall (wirklich überall!) hinschmiss, weiß ich ein friedliches „Linsenpinsen“ nun sehr zu schätzen. Und nach einem stressigen Arbeitstag fühlt es sich sogar manchmal so an, als würden wir mit den Baustellenfahrzeugen auf unserem Wohnzimmer-Teppich einen Miniatur-Zen-Garten erschaffen. Vielleicht sollten wir uns das als schwäbische Entspannungsmethode patentieren lassen – kosch‘ ja ned viel.

29C76F98-8D78-4A91-B019-729CF543169F

 

Der blaue Elefant

Allgemein

Seit ein paar Wochen haben wir einen neuen Mitbewohner. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich von ihm halten soll: Er kommt und geht, wann er will und sein Benehmen ist oft etwas ungehobelt. Und dazu – das ist vielleicht nicht ganz unerheblich – ist er ein blauer Elefant.

Der blaue Elefant zog irgendwann um Weihnachten hier ein. So ganz genau wissen wir es aber nicht mehr, weswegen sich sein erstes Auftauchen nur noch grob rekonstruieren lässt: Krumpfz alberte mit seinem Papa im Wohnzimmer herum, wahrscheinlich waren Kissen und verschiedene Kitzelmanöver Teil der Szenerie. Irgendwann in diesem Durcheinander nannte mein Mann Krumpfz eine „Quatschnudel“, worauf letzterer kurz innehielt und mit ernster Miene insistierte: „Nein, ein blauer Elefant!“

Seither taucht der blaue Elefant immer mal wieder bei uns auf – besonders oft beim Mittagessen. Er ist dann meist ganz schön frech, macht Dinge, die wir Eltern nicht mögen oder ist einfach nur ziemlich albern. Meist ist er nach kurzer Zeit wieder verschwunden.

Vor ein paar Wochen saßen wir zum Beispiel nach dem Essen noch ein paar Minuten am Esstisch und wir Eltern unterhielten uns (was mit Kleinkind ja schon Herausforderung genug ist). Vermutlich um nicht in Vergessenheit zu geraten, nahm Krumpfz einen großen Schluck „Bitzelwasser“ und rülpste (oder versuchte es zumindest). Mit breitem Grinsen und erwartungsvollen Augen sah er uns an und wartete auf unsere Reaktion. Von seinem Papa wollte er sicherlich lobende Worte hören, hatte er ihn doch erst Tage zuvor in die Geheimnisse des männlichen Urgeräuschs eingeweiht. Ich, die ich gut auf Rülpskonzerte am Tisch (und im Leben generell) verzichten kann, verzog hingegen das Gesicht: „Och nö, Krumpfz! Nicht machen, das ist ekelig!“ Von diesem Verbot und dadurch, dass sich mein Mann seinen väterlichen Stolz und ein Lachen nur schwer verkneifen konnte, animiert, setzte Krumpfz erneut den Becher an, trank einen großen Schluck und versuchte sich an einem neuen Rülpser. Wieder schaute er uns mit einem herausfordernden Lachen an. „Du bist ein Frechdachs, weißt du das?“, sagte ich mit gespieltem Ärger, aber nun doch mehr lachend. Da guckte mich Krumpfz plötzlich ernst an und sagte bestimmt: „Nein, ein blauer Elefant!“

Woher der blaue Elefant kommt, wissen wir nicht. Klar hat Krumpfz längst Bekanntschaft mit dem kleinen blauen Elefanten, dem treuen Freund der Maus, gemacht. So richtig viel hatte er mit ihm aber noch nie am Hut. Er kennt zwar die Maus-Spots (die wir ihm eine Zeit lang beim Wickeln und beim Frisör vorgespielt haben, um überhaupt an ihn heranzukommen). Und er hat auch ein entsprechendes Kuscheltier von uns geerbt (warum auch immer wir Erwachsenen so etwas besitzen!). Aber die Begeisterung für Maus-Spots ist längst einer für Videos über Bau- und Landmaschinen gewichen und der blaue Kuschelelefant konnte sich (wie alle anderen Kuscheltiere) nie richtig gegen das braune Kissen durchsetzen.

Immerhin scheint das Elefanten-Alter-Ego aber in der Familie zu liegen: Wir Eltern sind laut Krumpfz nämlich auch blaue Elefanten und sogar die Großeltern sind Teil unserer Dickhäuter-Dynastie. Wenn Sie also demnächst irgendwo eine Horde blauer Rüsseltiere sehen – das wären dann wir.

Dätschi!

Allgemein

Ich komme ja aus einer Winke-Familie. Was das ist? Nun, den Begriff habe ich selbst erfunden. Er bezeichnet die Art und Weise, wie man sich in meiner Familie verabschiedet – nämlich durch exzessives Winken. Zumindest war das früher so, als wir noch mit drei Generationen unter einem Dach wohnten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit meiner Mutter immer im Haustürrahmen stand, während meine Tante und mein Onkel nach einem Besuch in ihren dunklgrünen Nissan stiegen und fortfuhren. Ich war dann immer etwas traurig. Aber spätestens, wenn mein Onkel dann die Warnlichter anmachte und hupte, während er das Auto die Straße hinuntersteuerte und wir den beiden wie wild hinterherwinkten, war die Szene auch gleichzeitig so witzig, dass ich die Traurigkeit über den Abschied kurz vergaß.

Auch sonst wurde in meiner Familie immer viel gewunken: Wenn Opas Familie aus Brandenburg kam, stand zum Abschied unsere ganze Familie vor der Haustür und winkte, bis die Verwandtschaft mit ihrem Auto an der nächsten Kreuzung abbog. Wenn ich mit meinen Eltern in den Urlaub fuhr, standen meine Großeltern vor dem Haus und winkten uns mit besorgtem Blick hinterher – dabei fuhren wir doch nur nach Bayern und nicht ans andere Ende der Welt! Und auch als ich schließlich von zu Hause auszog, winkten mir meine Eltern tapfer hinterher, als ich in meinem voll beladenen Peugeot die Heimat verließ.

Umso erstaunlicher war es also, dass Krumpfz von diesem Winke-Gen so scheinbar gar nichts abbekommen hatte. Während andere Babys schon mit sieben Monaten zum Abschied fleißig winkten, zeigte sich Krumpfz bei Abschieden unbeeindruckt: Er ignorierte sie einfach. Weder wir Eltern, noch die Großeltern oder gar Freunde konnten von ihm eine Abschiedsgeste erwarten.

Später, als ich nach einem Jahr als Vollzeit-Mama wieder arbeiten ging, quittierte Krumpfz mein Fortgehen zunächst mit Weinen und herzzerreißenden Rufen nach „Mama“, während ich schlechten Gewissens durch das Treppenhaus davoneilte. Zwar gewöhnte er sich irgendwann an den Zustand, dass Mama morgens das Haus verließ – verabschieden wollte er sich aber immer noch nicht. Auch wenn mein Mann ihn morgens in der Krippe abgab, war aus Krumpfz kein „Tschüss“ herauszubekommen. Stattdessen ließ er meinen Mann einfach stehen.

Dafür bekam sein Freund Tom*, der sich, unbeirrt von Krumpfz‘ Ignoranz, nach jeder Begegnung fröhlich verabschiedete, irgendwann als Erster ein „Tschüss, Tom!“. Und auch bei mir begann sich Krumpfz manchmal und dann zaghaft zu verabschieden. So richtig warm wurde er mit der Situation aber nicht, das merkte man.

Doch als wir Eltern gerade beschlossen hatten, dass das Abschiednehmen einfach nicht Krumpfz‘ Ding war, und wir uns höflich bei jedermann für das Nichterwidern eines „Tschüss, Krumpfz!“ entschuldigten („Er hat’s nicht so mit Abschieden.“), entdeckte Krumpfz plötzlich das Winken für sich. Quasi über Nacht wurde aus dem eher mürrischen Abschiednehmer ein enthusiastischer Winker. Fortan wurden all unsere Gäste mit überschwänglichem Gefuchtel und einem „Tschüssi! Bye, bye“ von einem fröhlich lachenden Krumpfz‘ verabschiedet.

Gleichzeitig interessierte sich Krumpfz plötzlich für unsere verschiedenen Abschiedsformeln, die ich ihm eines Abends im Bett alle aufzählen musste. So fanden wir heraus, dass Opa Micha „Tschaui“ sagt, während Oma Marianne eher „Tschüssi“ verwendet, Papa wiederum „Bye, bye!“ benutzt und Mama „Tschüüühüüüs!“ ruft. Irgendwann, als wir alle Mitglieder unserer zugegebenermaßen kleinen Familie durchhatten, hatte Krumpfz noch immer nicht genug. „Was noch?“, fragte er und sah mich mit erwartungsvollen Augen an. Spontan fiel mir da nichts Besseres als „Arrivederci!“ ein und ich erklärte Krumpfz, dass die Menschen auf der anderen Seite der Berge sich so verabschiedeten.

Am nächsten Morgen hatte ich unseren abendlichen Exkurs ins Italienische schon längst wieder vergessen. Doch als ich mich von Krumpfz mit Winken und „Tschüüühüüüs!“ verabschiedete, schaute er mich plötzlich erwartungsvoll an: „Was noch?“ Ich dachte nach. Dann fiel es mir wieder ein: „Arrivederci!“ Krumpfz lachte, winkte und rief „Dätschi Mama!“. Und was soll ich sagen? Seither ist das wahrscheinlich furchtbar falsch ausgesprochene „Arrivederci!“ die Abschiedsformel, die Krumpfz immer auch noch von mir hören will. Ich fürchte, ich muss jetzt doch noch Italienisch lernen.

* Der im echten Leben anders heißt.

 

Über elterliche Fehltritte

Allgemein

Vor zwei Jahren, als Krumpfz noch ein kleines Baby war, das viel (auf mir) geschlafen hat (Gott, waren das traumhafte Zeiten!), habe ich einige Baby- und Kleinkind-Ratgeber gelesen, um meinem Kopf etwas zum Nachdenken zu geben und um den schlafenden Winzling auf mir (besser) zu verstehen. Mein Lieblingsbuch ist bis heute „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ , das den vielversprechenden Untertitel „Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ trägt. Hier las ich auf fast 300 Seiten zum Beispiel von der kleinen Miriam, die völlig ausrastet, wenn ihr aus Versehen ein Keks zerbricht und von Marc, der völlig außer sich gerät, als er im Schwimmbad kein Eis haben darf. Und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass aus meinem süßen, zarten Baby-Krumpfz auch einmal so ein schwer ertragbarer Wüterich werden würde.

Gut anderthalb Jahre später mussten wir Eltern allerdings einsehen, dass auch unser bisher sehr kooperatives Kind ordentlich Eskalationspotential hat. Im Mai wähnten wir uns auf dem Höhepunkt der bisherigen Wutskala – und nahmen an, dass Krumpfz‘ Zornesattacken nun bald wieder seltener würden. Doch weit gefehlt – seit ungefähr einem Monat ist das Zusammenleben mit Krumpfz wie ein täglicher Tanz auf dem Popocatepetl! Jeder noch so kleine Fehltritt unsererseits führt zu einem Ausbruch bisher unbekannten Ausmaßes: Krumpfz beginnt zu weinen, zu schreien und wie wild mit den Füßen zu stampfen. Können (oder wollen) wir Eltern dann nicht sofort Abhilfe schaffen bzw. Abbitte leisten, steigert sich Krumpfz‘ Koller so weit, dass er schließlich auf dem Boden liegt und seine Stirn auf den Untergrund hämmert (was wehtun muss und den einen oder anderen blauen Fleck produziert).

Was wir Rabeneltern verbrochen haben? Hier eine kleine, unsortierte Auswahl unserer gravierenden Fehltritte, die Krumpfz in den letzten Tagen in Rage versetzt haben:

  • Krumpfz wird wach und nur Papa ist da.
  • Es gibt keine Schoko-Kekse zum Frühstück.
  • Krumpfz möchte keine Banane in sein Schoko-Porridge.
  • Krumpfz möchte „doch Banane“.
  • Papa schmiert Krumpfz‘ Brotscheibe nur, schneidet sie aber nicht in Streifen.
  • Papa schneidet das Brot nach dem ersten Wutausbruch sofort in Streifen und kann es auf Kommando („Wieder zusammenbauen!“) nicht wieder heile machen.
  • Papa klebt die Brotstreifen mit Butter wieder zusammen („In Streifen schneiden!“).
  • Oma deckt die lilafarbene Gabel auf und nicht den lilafarbenen Löffel.
  • Mama weigert sich, die lilafarbene Gabel postwendend zurück in die Küche zu bringen.
  • Der rote Löffel ist nicht auffindbar und kann daher nicht benutzt werden.
  • Der blaue Löffel ist dreckig und kann daher nicht benutzt werden.
  • Der grüne Becher ist falsch.
  • Der weiße Becher ist leer.
  • Der weiße Becher ist zu voll.
  • Das überschüssige Wasser aus dem weißen Becher darf nicht in die Flasche zurückgeschüttet werden.
  • Mama tut etwas Bolognese-Soße auf Krumpfz‘ Nudeln, nachdem Krumpfz Soße auf seine Nudeln wollte.
  • Krumpfz will seine Nudeln nicht ohne Sauce essen („Doch Soße!“).
  • Krumpfz will nicht am großen Tisch essen, sondern am kleinen.
  • Krumpfz will auch nicht am kleinen Tisch essen.
  • Mama darf nicht neben Krumpfz sitzen („Mama weggehen! Mama nicht da sitzen!“).
  • Mama darf aber auch nicht weggehen.
  • Mama holt einen Waschlappen, nachdem Krumpfz wollte, dass man ihm die Hände abputzt.
  • Mama holt keinen Waschlappen, sondern nur ein Küchentuch, nachdem Krumpfz wollte, dass man ihm die Hände abputzt.
  • Krumpfz soll seine Winterjacke anziehen, weil draußen Temperaturen von knapp über Null herrschen.
  • Krumpfz soll seine Schuhe anziehen.
  • Mama geht auf Toilette.
  • Mama holt Krumpfz mit dem Auto von der Kita ab.
  • Mama besteht darauf, mit dem Auto nach Hause zu fahren, damit das Auto nicht auf dem Kita-Parkplatz zurückbleibt.
  • Krumpfz darf das Auto nicht alleine fahren.
  • Krumpfz darf auch nicht auf dem Beifahrersitz mitfahren.
  • Mama drückt gedankenverloren auf den Etagenknopf im Aufzug („Leine machen!“).
  • Mama schließt die Wohnungstür allein auf.
  • Mama will Krumpfz helfen, die Wohnungstür aufzumachen („Leine machen!“).
  • Mama sitzt resignierend auf dem Schuhschrank neben der Wohnungstür und hilft Krumpfz nicht dabei, die Wohnungstür zu öffnen.
  • Mama bietet als Nachmittagssnack nur Obst und Kekse an, weil die Schoko-Kekse leer sind.
  • Mama singt („Mama nicht singen!“).
  • Papa singt („Papa nicht singen!“).
  • Papa (und nicht Mama) will Krumpfz wickeln.
  • Papa (und nicht Mama) will Krumpfz ins Bett bringen.
  • Mama will Krumpfz die Zähne mit der elektrischen Zahnbürste putzen („Leine machen!“).
  • Krumpfz darf keine von Mamas Schmerz-Tabletten essen.
  • Mama deckt Krumpfz mit der Decke zu.
  • Papa hält im Bett zu wenig Abstand zu Krumpfz.
  • Krumpfz wird nachts wach und will etwas aus seinem Trinklernbecher trinken. Mama drückt auf den Becher-Deckel, um den Unterdruck im Becher abzubauen.
  • Mama drückt nachts nicht auf den Deckel, bevor sie Krumpfz den Becher reicht.
  • Krumpfz träumt von einer der oben genannten Gemeinheiten und wacht auf.

Ich könnte diese Liste noch endlos weiterführen… aber ich denke, dass Krumpfz‘ Willkürherrschaft auch so recht deutlich wird. Besonders schlimm lief es für mich in den letzten zwei Tagen, als Krumpfz einen Infekt ausbrütete und dementsprechend noch wütender war. Als ich ihm gestern Abend dann so gar nichts mehr recht machen konnte und er von einem Lamento ins nächste geriet, schlug ich schließlich vor, noch eine Runde mit dem Laufrad durch die Stadt zu fahren. Unterwegs trafen wir eine meiner Kolleginnen, die selbst zwei Teenie-Töchter hat.

Sie: „Und? Wie geht’s?“

Ich: „Ach, du, der Kleine ist krank und sowieso gerade unausstehlich.“

Sie: „Oh, seid ihr in der Phase, in der das Brot immer auf der falschen Seite bestrichen wird?“

Ich: „Ja.“

Sie: „Oh, das ist bitter! Das ist so anstrengend! Und am liebsten würde man das Kind mal so richtig anschreien – aber das geht ja nicht wegen der Erziehung und so. Aber glaube mir, das ist nur ’ne ganz kurze Phase! Die geht auch wieder vorbei!“

Ich lächelte müde, während sie mich umarmte und schnell weiterhastete, um ihre Tochter irgendwo abzuholen.

Heute Morgen – ausgeschlafen und wieder etwas nervenstärker als am Vorabend –  versuchte ich also den ersten Wutanfall meines Sohnes* leicht zu nehmen und begann, leise vor mich hinzusingen – was natürlich auch nicht richtig war: „Mama nicht singen!“ „Okay. Darf ich denn wenigstens atmen?“ „Nein!“

Also das finde ich nun doch etwas viel verlangt! Denn wenn mir eins in den letzten Wochen geholfen hat, dann ist es tiefes Durchatmen. Damit mich mein gewünschtestes Wunschkind nicht in den Wahnsinn treibt.

*Ich hatte ihm Milchschaum gebracht, nachdem er Milchschaum trinken wollte. 

Steinreich

Allgemein

Seit einem halben Jahr ist Krumpfz Petrologe. Oder anders gesagt: Steinkundler. Oder nochmal anders gesagt: Steinsammler. Das Ergebnis: Wir sind inzwischen eine steinreiche Familie und können nicht nur ein Kilogramm Bachkiesel, sondern auch verschiedenste Gesteinsbrocken und -bröckchen unser Eigen nennen. Das hatten wir so nicht kommen sehen.

Zu Beginn von Krumpfz‘ petrologischer Leidenschaft waren wir Eltern noch sehr erfolgreich, die zum Teil mit Pinzetten-Griff mühevoll geborgenen Exponate unseres Sohnes außerhalb der Wohnung zu belassen. So konnte man die ersten Mini-Steine, die Krumpfz mühevoll aus den Fugen der Pflastersteine vor unserem Haus kratzte und uns dann stolz präsentierte, noch in einem unbeobachteten Moment im nächsten Blumenbeet verschwinden lassen. Er vermisste sie anschließend nicht, sondern war schon mit der Bergung der nächsten Handvoll Steine beschäftigt. Inzwischen allerdings hat Krumpfz eine enge Beziehung zu gefühlt jedem seiner Steine aufgebaut. Der Verlust eines Einzelnen kann in die Apokalypse führen. Deswegen verteilen sich seine Schätze inzwischen nicht nur in Buggy, Fahrradanhänger und Kita, sondern auch in unserem Wohnzimmer. Einige Steine müssen sogar abends – gut im Anhänger seines Spielzeug-Traktors verstaut – mit in sein Gitterbettchen.

Begonnen hatte alles im Frühjahr auf der Insel Mallorca. Dort bewohnten wir weit weg vom Ballermann-Tourismus eine kleine Finca mit riesigem Garten. In letzterem befand sich ein kleines Spielhäuschen mit unendlich viel Spielzeug. Wir Eltern glaubten, uns damit ein paar ruhige Minuten auf der Sonnenliege erkaufen zu können. Tatsächlich aber war das Spielzeug (bis auf den kleinen, rosafarbenen Buggy, den es dort gab und der der Anfang einer bis jetzt andauernden Buggy-Begeisterung war) insgesamt eher uninteressant für unseren Sohnemann. Stattdessen saß er täglich und mit anhaltender Begeisterung auf dem zur Finca führenden Weg mit weißen Schottersteinchen. „Deine!“, rief er dann immer wieder aus und vergrub dabei seine bald kalkweißen Händchen in den Kieseln. Kurz darauf begann er dann, das Puppengeschirr aus der Kinderküche mit ebendiesen zu füllen. Saß ich morgens auf der Sonnenliege, dauerte es nicht lange, bis mir Krumpfz ein paar weiße Steinchen auf Mini-Tellern oder in Mini-Tassen kredenzte. Aber auch der Terrasse, dem Rasen und dem Puppenhaus führte Krumpfz ausdauernd immer wieder neue Stein-Portionen zu. Die Folge: Abends, wenn der Kleine endlich schlief, kroch ich im Halbdunkel über Terrasse und Rasen, um die Steine aufzusammeln und in die Einfahrt zurückzubefördern. Was für eine Sisyphusarbeit!

Zu Hause in Deutschland machte die Stein-Leidenschaft unseres Sohnes dann glücklicherweise erst einmal eine Pause. Was vermutlich auch am kühlen Frühlingswetter und einer gleichzeitig bei ihm einsetzten Aversion gegen Sand und Dreck im Allgemeinen gelegen haben mag. Wir Eltern atmeten auf und hofften auf das Ende dieser Phase.

Doch dann wollten wir eines Samstagnachmittags kurz in den Baumarkt, um die jährliche Balkonbepflanzung einzukaufen… was damit endete, dass mein Mann schon mal mit dem Einkauf nach Hause fuhr, während ich mit Krumpfz noch eine gute halbe Stunde vor dem Baumarkt bei den Schalen mit den Test-Kieseln für die momentan so trendige Beetentgrünung saß und aufpasste, dass Krumpfz die weißen, schwarzen, roten und bunt gemischten Steinchen bloß nicht zu sehr durcheinanderbrachte.

Kurze Zeit später fuhren wir wieder in den Urlaub, dieses Mal auf die Nordseeinsel Texel. Dort fanden sich nicht nur unzählige Steine am Strand, sondern vor allem in der Umrandung unseres Ferienhauses. Und sofort war Krumpfz‘ petrologische Leidenschaft neu entflammt. Die grauen, spitzen Mini-Steine in der Rinne vor der Terrassentürschiene wurden zu Krumpfz‘ liebsten Ausgrabungsobjekten. Mit der Schaufel, aber auch mit den bloßen Händen, machte er sich eines Abends so emsig ans Werk, dass er am Ende blutige Fingerknöchel hatte und wir Eltern (die bei einem so still vor sich hinspielenden Kind hätten längst misstrauisch werden müssen!) eine Not-Desinfektion durchführen mussten. Noch eine Woche später waren die Spuren dieses Rausches an Krumpfz‘ Händen sichtbar.

Kaum wieder zu Hause, begann Krumpfz, auch auf unserem Balkon die spitzen Steinchen in der Entwässerungsrinne auszuheben. Dieses Mal waren wir jedoch sofort alarmiert. Der Abend endete in einem Ausgrabungsverbot und einem kräftigen Wutanfall ob dieser schieren Ungerechtigkeit.

Um die Wogen zu glätten und weitere Wutausbrüche rund um unsere steinige Entwässerungsrinne zu vermeiden, bestellte mein Mann wenige Tage später in einem Moment der Kapitulation das besagte Kilo Bachkiesel im Internet. Seither haben wir ein mit seinen Steinen glücklich vor sich hinspielendes Kleinkind – und jeden Abend die Aufgabe, die in der Wohnung verteilten Steine wieder einzusammeln. Schon längst in der Restbestand auf deutlich unter ein Kilo Gewicht zusammengeschrumpft. Den letzten Verlust hatten wir diese Woche zu beklagen, als Krumpfz sich die ehrgeizige Aufgabe stellte, mit Spielzeug-Traktor und -Anhänger voller Steine die Treppe der Kita hinunterlaufen wollte. Er war untröstlich, als er drei Steine an die Ritze zwischen Hauswand und Treppenstufen verlor. Zum Glück konnte ich die drei verschollenen Stein-Schätze durch ähnliche Exemplare aus der Entwässerungsrinne am Ende der Treppe ersetzen. Der Tag war gerettet.

Auch unter unserem Sofa liegen vermutlich etliche Bachkiesel, nachdem Krumpfz mehrere Tage ausdauernd das Spiel „Ich stecke alle Steine in die Sofaritzen!“ spielen musste. Wir haben es aufgegeben, sie alle wiederzufinden. Spätestens, wenn wir mal aus dieser Wohnung ausziehen, werden wir ihn bergen: Krumpfz‘ Steinschatz.

image1

Das braune Kissen

Allgemein

Irgendwann in der Zeit vor Krumpfz waren mein Mann und ich auf der Suche nach einem neuen Bett. Dabei schauten wir im örtlichen Bettfachgeschäft (ja, das gibt es hier tatsächlich noch!) vorbei. Ein Bett fanden wir nicht – wohl aber zwei 40×40 cm kleine Daunenkissen, von denen wir glaubten, dass sie zusätzlich zu unseren großen Kissen nachts unsere von der PC-Arbeit geschundenen Nackenpartien stützen würden.

Die Kissen (meins mit beigem, das meines Mannes mit braunem Bezug)  fristeten daraufhin erst einmal ein etwas unspektakuläres Dasein in unserem Bett – bis Krumpfz sie vor etwa einem Jahr für sich entdeckte…

Es begann damit, dass Krumpfz erkannte, dass man sich – wenn man kein Baby mehr sein wollte – auf ein Kissen zu betten hatte. Also warf er sich abends beim Einschlafritual zuverlässig mit einer Art Köpper-Bewegung auf eines oder gleich beide der Kissen. Kurze Zeit später ging Einschlafen dann nur noch mit einem der beiden Kissen im Arm, wobei das Kissen mit beigem Bezug für Krumpfz eindeutige Vorzüge gegenüber dem mit brauner Hülle aufzuweisen schien.

Zur etwa gleichen Zeit ging es in der Krippen-Eingewöhnung von Krumpfz um die Heranführung an einen gemeinschaftlichen Mittagsschlaf. Wir Eltern hatten deswegen große Sorgen (schlief Krumpfz doch zu Hause nur an meiner Brust ein), weswegen wir jeden erdenklichen Unterstützungsgegenstand mit in die Krippe schleppten. Eine Stoffversion des kleinen blauen Elefanten fand bei Krumpfz keinen Anklang (der Elefant fristet bis heute ein trauriges Dasein in Krumpfz‘ dunklem Schrankfach in der Kita), so dass ich mich schließlich etwas widerwillig von meinem beigen Kissen verabschiedete und es Krumpfz mit in die Kita gab. Tatsächlich erwies sich dies als dem Einschlafen zuträglich, so dass das Kissen blieb. Irgendwann tauschte ich allerdings den meiner Meinung nach für ein Kleinkind völlig ungeeigneten (weil öden und dann auch bald total dreckigen) beigen Kissenbezug gegen einen freundlich hellblau-weiß gepunkteten, mit einem Elefantengesicht bestickten Bezug aus, den wir zur Geburt unseres Sohnes bekommen hatten. Krumpfz‘ Erzieherin musste darunter allerdings kurzfristig leiden: „Er wollte gar nicht einschlafen, sondern musste mir erst noch ein paar Mal den Elefanten zeigen“, klagte sie am ersten Tag des Bezugwechsels.

Zu Hause erlebte zur gleichen Zeit das braune Kissen einen rasanten Aufstieg in Krumpfz‘ Gunst: Es war jetzt nicht nur essentiell für den Einschlafprozess, sondern wurde zunehmend auch von ihm durch die Wohnung getragen. Oft musste Krumpfz‘ Puppe Conni auch unsanft den kleinen Buggy verlassen, damit Krumpfz darin das braune Kissen transportieren konnte. Irgendwann konnten wir dann das Haus nicht mehr ohne braunes Kissen verlassen – es musste überall mit hin: ins Auto, in den Buggy, in den Thule, in die Krippe. Auch bei Spaziergängen schleifte Krumpfz das Kissen nun gerne hinter sich her über Asphalt, Schotterwege und durchs Grün. Wir Eltern fanden das aus hygienischen Gründen zunächst nicht so toll. Aber alle Überredungsversuche wie „Willst du nicht lieber Conni mitnehmen?“ oder „Das Kissen wird doch ganz dreckig!“ halfen nichts: Das Kissen musste mit!

Dabei hatten wir Eltern uns so viele Gedanken über Krumpfz‘ ersten Kuschelkumpanen gemacht! Schon vor seiner Geburt hatten wir in Kinderfachgeschäften und im Internet nach geeigneten Stofftieren für Krumpfz gesucht. Am Ende entschieden wir uns für ein rosafarbenes, treu dreinschauendes Schwein aus robustem Frottee, das mich an „Teddy“ von Lotta aus der Krachmacherstraße erinnerte. Krumpfz‘ Patentante Anne* steuerte zur Geburt ein Steiff-Eichhörnchen bei, mein Vater ein Schnuffeltuch in Hundeoptik. Sie alle liegen inzwischen in Krumpfz‘ Bett – gekuschelt wird aber nur das braune Kissen.

Wobei das nicht ganz richtig ist. Denn nachdem wir das beige Kissen an die Kita und das braune an Krumpfz verloren hatten, kaufte ich mir ein blaues Kissen nach. Ich dachte, dass ich dieses sicher gegen Krumpfz behaupten könnte. Anfangs schien ich damit recht zu behalten. Doch schon bald musste auch das blaue Kissen abends beim Einschlafen dabei sein – und inzwischen muss es morgens auch mit in den Buggy, wenn es in Richtung Kita geht. Allerdings darf man – wie mein Mann Anfang dieser Woche – sich davon nicht zu der Annahme hinreißen lassen, dass das blaue Kissen dem brauen in Krumpfz‘ Augen ebenbürtig sei. Denn an dem Tag, als mein Mann meinen Sohn mit blauem statt mit braunem Kissen in die Kita schickte (und das braune mit nach Hause brachte!),  fragte Krumpfz seine Erzieherin ständig nach dem braunen Kissen und auch ich wurde gleich beim Abholen mit der halb vorwurfsvollen Frage nach dem „braune Dissen?“ empfangen. Seither achte wir alle penibel darauf, dass das braune Kissen mit in die Krippe wandert.

Wir Eltern haben es mit den kleinen Kissen nun aufgegeben – denn eigentlich schläft es sich ohne genauso gut und die Nackenschmerzen verschwinden dann doch eher durch Sport. Und wenn wir doch noch etwas Weiches brauchen, auf dem wir unsere müden Häupter betten können – Schweinchen und Eichhörnchen sind ja noch frei. Oder ich hole einfach das Kissen mit Elefantenbezug aus der Krippe nach Hause – das würdigt Krumpfz nämlich längst auch keines Blickes mehr.

* Die eigentlich anders heißt.