Der freiberufliche Traktorfahrer

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Als Krumpfz‘ noch zur Tagesmutter ging, verging kein Tag ohne Bauer Toni. Bauer Toni ist der Nachbar von Krumpfz‘ Tagesmutter und sein Hof liegt gegenüber ihres Hauses. Bauer Toni hat Pferde, Kühe, einen neuen, roten Massey Furgson, einen alten roten Schlepper – und offenbar so viele Felder zu bestellen, dass kaum ein Tag bei der Tagesmutter verging, beim dem Krumpfz‘ nicht von der Abfahrt des Bauern auf seinem Massey Furgson (samt diverser Anhängsel) berichtete. Selbst jetzt, wo Krumpfz schon in den Kindergarten geht, winkt er Bauer Toni noch immer fröhlich zu, wenn wir an seinem Bauernhof vorbeifahren. Nicht, dass Bauer Toni davon wüsste – das macht aber Krumpfz nichts aus. Er winkt.

Dementsprechend hat Krumpfz‘ Berufsfindungsprozess nun ein abruptes Ende gefunden: „Wenn ich groß bin, werde ich Traktorfahrer!“, sagt Krumpfz nun immer, wenn es um sein Wachstum geht. Wobei Großsein hier bedeutet, so groß wie sein Opa Micha zu werden.

Am liebsten würde Krumpfz aber sofort Traktorfahrer werden und Bauer Toni auf den Feldern helfen. Neulich fragte er mich deshalb darüber aus, was man eigentlich braucht, um Traktorfahrer zu werden. „Naja, zunächst musst du so lange Beine haben, dass du auch an das Gaspedal, Kupplung und Bremse kommst…“, begann ich. „Ich bin schon gewachsen!“, fiel mir Krumpfz ins Wort. „… und du brauchst einen Führerschein.“ „Wenn ich keinen Führerschein habe?“ „Dann kommt die Polizei und schimpft und du bekommst eine Strafe.“

Wohl wegen der Vorstellung, es mit der schimpfenden Polizei zu tun zu bekommen, will Krumpfz jetzt doch warten, bis er groß genug ist, um den Traktor-Führerschein zu machen. Danach will er für immer Traktor fahren – und zwar sowohl auf dem Bauernhof, als auch auf der Baustelle. Die passende Berufsbezeichnung wäre demnach „freiberuflicher Traktorfahrer“. Die Idee, einen Bauernhof zu haben, findet er dagegen nicht mehr so attraktiv wie noch vor ein paar Monaten.

Sein Leben als Großer soll stattdessen vor allem vom Traktorfahren bestimmt werden. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für anderes. Vor zwei Wochen etwa entspann sich darum folgender Dialog beim Ins-Bett-Bringen:

Krumpfz: „Mama, bleib‘ bei mich!“

Ich: „Ich gehe doch nicht weg!“

Krumpfz: „Wann warst du denn schon mal weg?“

Ich: „Letztes Jahr war ich mit Papa mal eine Nacht weg auf einem Konzert in Luxemburg und Oma und Opa haben auf dich aufgepasst.“

Krumpfz: „Warum in Luxemburg?“

Ich: „Weil da eine Band gespielt hat, die wir sehr mögen.“ (deus, um genau zu sein.)

Krumpfz: „Warum warst du da?“

Ich: „Weil so ein Konzert Spaß macht. Da spielt die Band auf der Bühne und man kann hüpfen, tanzen und mitsingen. Wenn du größer bist, nehmen wir dich mal mit auf ein Konzert.“

Krumpfz: „Neeeeein. Ich will doch Traktorfahrer werden! Oh, Mama!“

Ähnlich entrüstet reagierte Krumpfz, als ich ihm im Badezimmer, wo sein Papa lautstark einen amerikanischen NFL-Podcast hörte, Tage später vorschlug, irgendwann Englisch zu lernen. „Nein, Mama, ich will das nicht! Ich will Traktorfahrer werden.“ Selbst der Idee, später der Freiwilligen Feuerwehr beizutreten (so wie es sein Kindergartenfreund Bob* vorhat), konnte Krumpfz nichts abgewinnen: „Ich will doch Traktorfahrer werden! Mann, Mama!“

Naja, Bauer Toni würde sich in 13 Jahren sicher über einen Auszubildenden freuen – der dann auch bei ihm einziehen will (so zumindest Krumpfz‘ Plan). Vielleicht sollte ich die Bewerbungsunterlagen schon vorbereiten? Ein Empfehlungsschreiben hätte Krumpfz ja jetzt schon – nämlich diesen Text.

*der in Wirklichkeit anders heißt

Eingewöhnung, die dritte

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„Du kannst dann jetzt gehen“, sagte Krumpfz und sah mir fest in die Augen. „Okay…“, sagte ich und zögerte. „Sollen wir nicht lieber noch warten, bis Mone* wieder da ist?“ „Nö!“

Es war Krumpfz‘ achter Tag im Kindergarten, als beim Abschied von mir keine Tränen mehr flossen. Zwar winkte mir Krumpfz‘ am Ende doch noch auf dem Arm seiner Erzieherin hinterher, als ich den Kindergarten verließ – allerdings leicht mechanisch mit dem Blick auf den Gruppenraum der Regenbogen-Kinder gerichtet und in Gedanken schon in der Bauecke.

Dass die Eingewöhnung in den Kindergarten nach einer guten Woche quasi abgeschlossen sein könnte, hätte ich vorher allenfalls insgeheim gehofft. Denn nach Monaten, in denen mein Mann, Krumpfz und ich wegen der Corona-Pandemie fast immer zu Hause waren, und den langen Sommerferien, die vor allem aus drei Wochen gemeinsamer Urlaubszeit bestanden, war Krumpfz so an uns Eltern gewöhnt, dass es für ihn hätte immer so weitergehen können.

„Mama, bleib‘ bei mich!“ war folglich in den Sommerferien auch einer der häufigsten Sätze meines Sohnes. An Tagen, an denen er besonders aufgeregt war, durfte ich teilweise nicht von seiner Seite weichen. Und davon gab es im August viele: der Tag vor Krumpfz‘ Geburtstag, Krumpfz‘ Geburtstag, der Tag vor der Abreise in den Norden zu meinen Eltern, der Tag vor der Abreise an die Nordsee, der Tag vor der Rückfahrt zum Haus meiner Eltern, der Tag vor der Rückfahrt nach Hause, der Tag vor dem ersten Tag im Kindergarten… Kurz gesagt: Ich war Krumpfz‘ sicherer Hafen in spannenden Zeiten – und nervlich manchmal ganz schön am Limit.

Weil Krumpfz so auf mich fixiert war, setze ich (wie gesagt) keine großen Hoffnungen in eine schnelle Kindergarten-Eingewöhnung – unsere erste gemeinsame (die Eingewöhnungen waren bisher Papa-Sache gewesen). Zum Glück zeigten die Erzieherinnen (trotz diverser anders lautender Corona-Verordnungen) großes Verständnis für Krumpfz‘ bisher eher holprige Fremdbetreuungskarriere und sein Bedürfnis nach langsamem Kennenlernen.

Um ehrlich zu sein: Sie hatten deutlich mehr Geduld mit ihm als ich. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, entspannt zu bleiben, war ich schon am dritten Tag frustriert, weil Krumpfz nach zwei Stunden mit mir im Kindergarten nach Hause wollte, während die beiden anderen Kinder, die zur gleichen Zeit eingewöhnt wurden, schon allein bis nach dem Mittagessen im Kindergarten blieben. Mein gesamtes Repertoire an Abwehrmechanismen für solche Vergleiche war plötzlich lahmgelegt und ich ärgerte mich nun auch noch über mich selbst. Erst meine Freundin Lilo* konnte meinem Groll etwas entgegensetzen: „Er braucht die Zeit… und deine Begleitung. Und jeder hat seine Stärken und Schwächen“, schrieb sie mir, nachdem ich meinen Frust in ein paar knappen WhatsApp-Nachrichten bei ihr abgeladen hatte. Und weiter: „Ich glaube, man muss damit umgehen lernen, das ist die Challenge für uns!“

Krumpfz am ersten Tag auf dem Weg zum Gruppenraum.

Sie hatte ja so Recht! Also versuchte ich einfach, alle Erwartungen, Hoffnungen, Befürchtungen und Sorgen auszublenden und ging weiter mit Krumpfz‘ in den Kindergarten. Dort saß ich (coronaverordnungskonform) mit Mund-Nasen-Schutz auf einem der kleinen Stühle und langweilte mich. Denn Krumpfz‘ war meist mit Mone lesen, essen oder in der Bauecke. Währenddessen baute ich mit Mila* Bauklotz-Türme auf meinen Füßen, spielte „Kuckuck!“ mit Tiana*, half Julian* in die Regenhose und Arold* beim Aufräumen.

Wehe aber, ich wollte den Raum verlassen! „Mama, bleib bei mich!“ Am vierten Tag der Eingewöhnung durfte ich nicht einmal allein auf Toilette gehen – Krumpfz‘ musste mit. Dass ich den Kindergarten verlassen durfte, schob er folglich immer weiter vor sich her: „Erst noch ein Buch lesen!“, „Erst, wenn wir in den Garten gehen!“, „Erst, wenn ich dir den Garten gezeigt habe!“. Am Ende der ersten Woche blieb ich schließlich ganz.

Mone* und ich beschlossen deshalb, Krumpfz zu Beginn der zweiten Woche vor vollendete Tatsachen zu stellen: Nach einer halben Stunde im Kindergarten und einer gemeinsamen Lektüre von „Charly bei der Feuerwehr“ erklärte ich Krumpfz, dass ich nun zur Arbeit gehen müsste (was ich nicht sagte: dass das in diesem Fall mein Schreibtisch zu Hause war). Er war sichtlich traurig: „Mama bleib‘ bei mich!“, flehte er mich an, dicke Tränen weinend. Ich schulterte trotzdem meinen Rucksack, nahm Krumpfz auf und in den Arm und trug ihn über den Außenbalkon vor dem Gruppenraum bis zur Treppe in den Garten. Dort musste ich ihn mit etwas Nachdruck Mone* in die Arme schieben und mich von ihm lösen. Noch immer weinte Krumpfz. Erst das gemeinsame Winken vom Balkon half ihm ein bisschen über den Abschied hinweg.

Kaum war ich zu Hause, klingelte mein Handy. Ich erschrak: Das Display zeigte die Nummer des Kindergartens an. „Hallo?“, sagte ich fragend ins Mikrofon. „Hallo, hier ist Mone!“ Oh nein, dachte ich, das hat nicht geklappt! „Ich wollte nur kurz bescheid sagen: Krumpfz hat sich sofort beruhigt, nachdem Sie um die Ecke verschwunden waren und jetzt spielt er in der Bauecke.“ Ich war erleichtert – und konnte tatsächlich arbeiten!

Am nächsten Tag schaffte Krumpfz den Abschied dann schon fast ohne Tränen. Und gestern war es dann so weit, dass Krumpfz mich, nachdem ich ihm zwei Bücher („Zauberklang der Ritterzeit“, „Wo wohnt der Osterhase?“) vorgelesen hatte, einfach nach Hause schickte. Zurück kam er gut gelaunt („Im Kindergarten ist es schön.“), etwas überdreht („Tschutschu fährt die Bombelbahn!“) und mit ersten neuen Wörtern („Bäh!“ als Ausdruck für Ekel vor allerlei Essen, das er eigentlich mag). Daran müssen wir Eltern uns jetzt wohl im Gegenzug auch gewöhnen.

*die/der in Wirklichkeit anders heißt

5. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

irgendwann – da bin ich mir recht sicher – wirst du in der Schule über dieses Jahr stolpern: 2020. Vielleicht in einer Statistik in Wirtschaft zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts, vielleicht in einem kontroversen Text in Gemeinschaftskunde über staatliche Interventionen in die Wirtschaft, vielleicht aber auch in Biologie beim Thema „Viren“. So oder so: Dieses Jahr wird in die Geschichte eingehen – als globale „Coronakrise“.

Ich habe das so nicht kommen sehen – und ich denke, dass ich damit nicht allein bin: Wegen einer Infektionskrankheit namens „COVID-19“ (was für coronavirus disease 2019 steht), die wir hier in Deutschland verkürzt „Coronavirus“ nennen, hat sich unser Leben in den letzten drei Monaten total gewandelt.

Alles begann (soweit wir es bisher wissen) Ende 2019 im chinesischen Wuhan, wo das Virus zuerst diagnostiziert wurde. Schnell wurde klar: Das Virus überträgt sich leicht per Tröpfcheninfektion von einem Menschen auf den nächsten – und das teilweise schon vor Beginn der Symptome. Bei den meisten Erwachsenen (und zum Glück bei der Mehrzahl der Kinder) verläuft die Erkrankung milde, aber gerade ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen können schwer erkranken und daran sterben. Und mit älteren Menschen sind auch deine Großeltern gemeint. Es gab weder Medikamente noch eine Impfung gegen diese Krankheit.

Insofern musste schnell gehandelt werden, als sich das Virus über den Globus und schließlich auch in Deutschland verbreitete. Während in anderen Ländern wie Italien und Spanien für Wochen komplette Ausgangssperren verhängt wurden, bestand der „Lockdown“ hier in Deutschland aus der Schließung aller Schulen und Kitas (13.03.2020), sämtlicher Geschäfte (mit Ausnahme der Super- und Drogeriemärkte, Apotheken und Tankstellen) und öffentlichen Einrichtungen (darunter auch Spielplätze, 16.03.2020) und einem Kontaktverbot (22.03.2020).

Die neun Tage von Schul- und Kitaschließungen bis zum Kontaktverbot verfolgten dein Papa und ich wie das Kaninchen vor der Schlange: ängstlich und regungslos. Ungläubig lief ich am Tag nach Schließung quasi aller Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen mit dir durch unsere Stadt und sah die geschlossenen Geschäftstüren und Cafés. Fast niemand war außer uns unterwegs, unsere Schritte hallten dünn über das Kopfsteinpflaster. Noch am Tag zuvor hatten wir uns mit Papa nach einer Radtour auf dem Marktplatz ein Eis geholt – es sollte das letzte Eisdielen-Eis für eine lange Zeit werden.

Als wir an jenem ersten Tag der Schließungen an dem Spielplatz unweit unseres Hauses vorbeikamen, musste ich dir sagen, dass du dort nicht mehr spielen dürftest. Das hast du nicht verstanden. Du warst traurig und hast bitterlich geweint – so gerne hättest du mit deinem Spielzeugbagger im Sand gebuddelt. Ich kniete mich zu dir und nahm dich in den Arm. Ich versuchte dir zu erklären, was da passierte und was ich selbst noch nicht begriffen hatte: dass es da draußen eine Krankheit gibt, die viele Menschen krank macht und dass wir helfen müssen, dass alle gesund bleiben, indem wir Abstand halten und nicht mehr auf den Spielplatz gehen. Meine Erklärung trocknete deine Tränen.

In den folgenden Monaten musstest du auf vieles verzichten: auf den Urlaub mit deinen Eltern auf Mallorca, der für Ostern geplant war; auf ein paar Ferientage im Norden bei den Großeltern; auf Treffen mit deinen Großeltern im Süden; auf Spielplatz-Nachmittage mit deinem besten Freund Tom*; auf Treffen mit deinen Patentanten, auf Vormittage mit deiner Tagesmutter… Du hast es nur selten gezeigt – aber all das hat dir gefehlt.

Dafür hattest du deine Eltern immer um dich. Denn dein Papa und ich waren plötzlich beide im Home Office und damit die ganze Zeit zu Hause. Schnell musstest du aber lernen, dass deine Eltern nur Zeit für dich haben, wenn sie nicht im Arbeitszimmer am Computer sitzen und dass eine Videokonferenz in jedem Fall hieß, dass du still sein musstest. Wir Eltern dagegen mussten lernen, unseren Arbeits- und Familienalltag unter einen Hut zu bekommen. Das fiel uns anfangs noch leicht, weil unsere Arbeitgeber erst einmal auf die digitale Kommunikation umstellen mussten. Außerdem hatte ich da noch die Kraft, meine Arbeitszeit in die frühen Morgenstunden zu verlegen: Während du und Papa noch schlieft, schlich ich mich ins Arbeitszimmer und erledigte die wichtigsten Arbeiten für den Tag. Als meine Energie dafür aber nicht mehr reichte und unsere Arbeitgeber sich auf digitales Arbeiten umgestellt hatten, waren dein Papa und ich jeden Tag Arbeitnehmer und Eltern zugleich. Dadurch wurden wir jeden Tag etwas unausgeschlafener, ungeduldiger, unausgeglichener… Es war sicher nicht immer leicht mit uns.

Wir versuchten, das Beste aus der Situation zu machen und das Positive zu sehen: Immerhin waren wir alle gesund. Immerhin war niemand aus der Familie oder dem Freundeskreis erkrankt. Immerhin hatten Papa und ich beide einen sicheren Job (während viele andere ihren Job verloren und Millionen in die Kurzarbeit gehen mussten). Immerhin konnten wir von zu Hause arbeiten.

Zuerst rettete mir eine Baustelle hier gleich um die Ecke etliche Vormittage, an denen ich nicht wusste, wo ich mit dir hingehen konnte, wo doch Spielplätze gesperrt und die Innenstädte gespenstisch leer waren. So wurde es zu unserem täglichen Ritual, nach dem Frühstück erst einmal mit dem Laufrad (du) und dem Buggy (ich) zur Baustelle zu gehen. Die Baustelle war groß und du warst ganz begeistert von dem riesigen türkisfarbenen Raupenbagger, der eine große Entwässerungsrinne grub. Und mir tat es gut, den Bauarbeitern bei ihrer täglichen Arbeit zuzusehen – scheinbar unberührt und unbeeindruckt vom Coronavirus. Über Wochen war die Baustelle unsere Konstante und der Baggerfahrer begrüßte uns am Ende der Bauphase mit einem Winken mit der großen Schaufel.

An den Nachmittagen ergriffen wir die Flucht ins Grüne: Trotz zum Teil nochmals richtig winterlicher Temperaturen vertrieben wir uns die Tage mit Laufrad/Buggy-Touren zu verwunschenen Seen, durch kantige Steinbrüche, kühle Bachtäler und sonnige Streuobstwiesen. Seit ich selbst Kind war, hatte ich den Beginn des Frühlings nicht mehr so hautnah erlebt, wie in den Monaten, die nun folgten. Auf jeder Tour gab es etwas Neues zu entdecken: erste Blumen, einen Tagpfauenauge, Regenwürmer, Frischlinge, Kaulquappen, Enten-Jungen, Schwanen-Babys… es war toll, dir das alles zeigen und erklären zu können.

Daneben versuchten wir, dir Abwechslung zu bieten: Wir stellten einen Sandkasten auf, der die Hälfte unserer Balkon versperrte, damit du weiter im Sand spielen kannst. Ich pflanzte mit dir Bohnen, Tomaten und Paprika auf der anderen Hälfte. Ich machte Knete selbst und kauften dir Tusch- und Fingerfarben. Dein Papa investierte in eine große Kiste gebrauchter Spielzeugautos und eine neue Tüte Linsen.

Derweil veränderte sich das alltägliche Leben komplett: Im Supermarkt, wo fortan nur noch dein Papa allein einkaufen ging, durfte sich nur noch eine begrenzte Zahl von Menschen gleichzeitig aufhalten. Lebensmittel wie Nudeln oder Hefe und Drogerie-Artikel wie Toilettenpapier wurden rationiert, weil einige Bürger/innen diese aus Panik zu hamstern begannen. Wir mussten (und müssen immer noch) zu allen anderen Menschen mindestens 1,5 Meter Abstand halten. Treffen mit Familie und Freunden waren lange Zeit untersagt und sind immer noch eingeschränkt. Nach jedem Kontakt mit der Außenwelt sollte man sich die Hände mindestens waschen, wenn nicht am besten desinfizieren. Und die Schulen und Kitas blieben weiter geschlossen, da nicht klar war (und ist), welche Rolle Kinder und Jugendliche bei der Weiterverbreitung des Virus spielen.

Es waren einsame Wochen – wir nur zu dritt, du und ich oft allein unterwegs. Du beklagtest dich nie. Wie sehr dir trotzdem dein Freund Tom gefehlt hatte, merkte ich erst, als Toms Mutter und ich es nicht mehr aushielten und uns kurz vor Ende des Kontaktverbots mit euch Jungs im Wald auf einen Spaziergang mit Abstand trafen. Tom und du brauchtet eine ganze Zeit, um euch wieder aneinander heranzutasten. Am Ende aber hattet ihr so viel Spaß dabei, zusammen durch den Wald zu rennen, dass wir alle Tränen lachen mussten. Von da an trafen wir uns jede Woche im Wald. Am 07. Mai fiel dann das Kontaktverbot.

Danach kamen auch deine Großeltern aus dem Süden wieder zu Besuch, um Nachmittage mit dir draußen zu verbringen. Sie wollten es sich nicht länger nehmen lassen, dich zu sehen und mit dir zusammen zu sein. Uns Eltern half das natürlich sehr: Jede Minute, die du mit Oma und Opa unterwegs warst, konnten wir im Home Office verschwinden. Als dann die Schulen für die Abschlussklassen Mitte Mai wieder teilweise öffneten und schließlich die schriftlichen Abiturprüfungen beaufsichtigt werden mussten, half uns auch deine Patentante aus, dich zu betreuen, während dein Papa in Videokonferenzen und ich in der Abiaufsicht saß.

Auch sonst normalisierte sich das Leben wieder etwas: Viele Geschäfte durften schon Mitte April öffnen, inzwischen haben auch Cafés und Restaurants wieder geöffnet. Es ist immer noch alles anders als bisher: Wir Erwachsenen müssen überall – in Läden, beim Bäcker, im Supermarkt, in der Stadtbibliothek, in der Schule – selbstgenähte (in unserem Fall vor allem selbst gekaufte) Mund-Nasen-Masken tragen, Abstand zu anderen halten und uns die Hände desinfizieren. Du nimmst diese komischen Rituale zur Kenntnis, ohne dass es dich groß zu beschäftigen scheint. Nicht mal, als wir zusammen nach dessen Öffnung zum ersten Mal im Zoo waren und ich die ganze Zeit meine Maske tragen musste, hat dich das gewundert. Und dabei stellst du sonst gerade so viele Warum-Fragen!

Zuletzt kehren nun auch langsam die Kinder in die Kitas und Schulen zurück. Heute warst du zum ersten Mal bei deiner Tagesmutter – und es war, als hätte es die lange Pause von 84 Tagen seit deinem letzten Tag in ihrer Obhut nie gegeben. Du bist zwar verhalten, aber doch mit Vorfreude auf deinen Spielkameraden und die vielen Autos dort, morgens losgezogen und zwar erleichtert, aber doch voller Erzählungen mittags in meine Arme gelaufen. Jetzt liegst du schlafend neben mir und erholst dich von dem Neustart. Ich bin sehr stolz auf dich, wie du das heute geschafft hast!

Wie es weitergeht? Wir wissen es nicht. Vor uns liegt eine wirtschaftliche Rezession, der der Staat mit einem über 150 Mrd. Euro teuren Konjunkturpaket begegnen will. Das Virus ist immer noch da, auch wenn in unserem Landkreis täglich nur noch ein bis kein neuer Krankheitsfall hinzukommt. Trotzdem gehen Virologen davon aus, dass wir weiter vorsichtig sein müssen, bis es einen Impfstoff oder wirksame Medikamente gegen das Virus gibt. Und das wird allen Schätzungen nach noch mindestens ein Jahr dauern. So oder so: 2020 wird ein denkwürdiges Jahr bleiben. Du wirst dich nicht mehr daran erinnern, wenn du größer bist. Aber wir werden dir davon erzählen – und davon, wie wir diese Krise gemeinsam gemeistert haben.

In Liebe,

deine Mama

*der in Wirklichkeit anders heißt

Noch eine Geschichte

Krumpfz im Dialog

Neulich habe ich davon erzählt, wie die Fuchsi-Geschichten bei uns Einzug gehalten haben. Am Anfang hatten wir Eltern noch die volle Deutungshoheit über Fuchsis Abenteuer. Inzwischen aber will Krumpfz immer ein Wörtchen mitreden, wenn wir ihm etwas Neues von Fuchsi und seinen Freunden erzählen – was uns Eltern oft vor unerwartete Plot-Twists stellt. So zum Beispiel gestern Abend, als ich Krumpfz ins Bett bringen wollte.

Krumpfz (wirft sich in sein Bettchen auf sein blaues Kissen): „Noch eine Fuchsi-Geschichte!“

Ich (wohl wissend, dass das länger dauern wird): „Okay, noch eine – und dann wird geschlafen!“

Krumpfz: „Ja!“

Ich lege mich neben Krumpfz und hole gerade Luft, da unterbricht er mich schon.

Krumpfz: „Mit vielen Freunden! Mit ohne Taucher! Wie Fuchsi ins Dino-Gehege geht!“

Ich: „Okay. Also: Es war einmal ein kleiner, roter Fuchs, der wohnte mit seiner Familie unter einer großen, alten Eiche – und sein Name war…“

Krumpfz: „Fuchsi!“

Ich: „Genau! Eines Morgens wachte Fuchsi ganz aufgeregt auf. Denn heute wollte er mit seinen Freunden ins Dino-Gehege gehen. Er war so aufgeregt, dass er am liebsten gar nicht gefrühstückt hätte. Aber seine Mutter stand schon in der Küche und sagte: ‚Fuchsi, ich weiß, du bist ganz aufgeregt, aber du musst etwas essen, denn ihr geht heute ja den ganzen Tag ins Dino-Gehege. Guck, ich habe dir schon dein Schoko-Müsli hingestellt. Und für unterwegs habe ich dir deine Bagger-Tupper und Traktor-Flasche gefüllt und in deinen Fuchs-Rucksack gepackt.‘ Schnell aß Fuchsi sein Frühstück und hastduihnnichtgesehen war er auch schon auf dem Weg zur Bushaltestelle. Denn dort wollte er sich mit seinen Freunden treffen. Hansi war schon da, Fuchsi kam als Zweiter an. Danach kamen Pu, Fröschli, Rehlein und Hirschi – und schon konnte es losgehen.“

Krumpfz: „Und Hazel! Hazel kommt auch mit!“

Ich: „Ach Hazel auch?“

Krumpfz: „Ja!“

Ich: „Hazel war also auch an der Bushaltestelle. Und da kam auch schon der Bus angefahren.“

Krumpfz: „Der alte Hirsch fährt den Bus! Der ist ganz älter geworden und kann nicht mehr so gut Zug fahren.“

Ich (irritiert, schließlich war der alte Hirsch bisher immer als Lokführer in Erscheinung getreten): „Okay, also der alte Hirsch fuhr den Bus und Fuchsi stieg zuerst ein…“

Krumpfz: „Nein, Robbie steigt zuerst ein!“

Ich: „Robbie steigt auch mit ein?“

Krumpfz: „Ja, der ist einfach so reingerutscht!“

Ich (bei dem Versuch, die Erzählung wieder in Gang zu kriegen): „Und Fuchsi kaufte beim alten Hirsch noch ein Gruppenticket für alle und dann fuhren sie los zum Dino-Gehege. Schon bald waren sie an der Bushaltestelle des Dino-Geheges angekommen und…“

Krumpfz (aufgeregt): „Oh! Ich hab noch eine Idee! Das war nicht das Dino-Gehege!“

Ich (verdutzt): „Nicht?“

Krumpfz (halb schockiert, halb belustigt): „Nein! Das war das Wildschwein-Gehege!“

Ich: „Hatte sich der alte Hirsch verfahren?“

Krumpfz (jetzt ganz wach und belustigt): „Ja!“

Ich (weiter im Erzählton): „Das merkten auch die Tierkinder. Sie guckten sich an, denn sie wussten, dass sie nicht am richtigen Gehege angekommen waren. Und Fuchsi rief dem alten Hirsch zu: ‚Das ist das falsche Gehege!‘ ‚Oh‘, sagte der alte Hirsch, ‚dann muss ich mich wohl verfahren haben. Ich bringe euch zum Dino-Gehege.‘ Also drehte er um und fuhr die Tierkinder zum Dino-Gehege.“

Krumpfz (belustigt): „Oh! Das war auch nicht das Dino-Gehege!“

Ich (Böses ahnend): „Sondern?“

Krumpfz (glucksend): „Das Hirsch-Gehege!“

Ich (wieder im Erzählton): „Okay… Der alte Hirsch hatte offensichtlich vergessen, wie er zum Dino-Gehege kommt. Er hatte sich wieder verfahren! Also mussten die Tierkinder ihm nochmal sagen, dass er falsch gefahren war. Sie drehten um – und dieses Mal fand der alte Hirsch den Weg zum Dino-Gehege.“

Krumpfz (offenkundig immer noch amüsiert von der eigenen Idee): „Oh! Der alte Hirsch hat sich schon wieder verfahn!“

Ich (langsam resignierend, weil ich das Kind so nie ins Bett bekommen würde): „So?“

Krumpfz (lachend): Das war das Ameisen-Gehege!“

Ich (mit gespielter Empörung): „Das Ameisen-Gehege? Oh nein! Da hatte sich der alte Hirsch schon wieder fahren! Kein Wunder, er war ja auch schon alt und sehr vergesslich. Und was machten sie nun? Drehten sie um und fuhren zurück?“

Krumpfz: „Ja.“

Ich (erstaunt ob der plötzlichen Wendung, aber gleichzeitig hoffnungsvoll, jetzt die Fäden der Erzählung wieder in die Hand nehmen zu können): „Okay, also fuhren sie zurück in den Wald und gingen dort am Bach spielen.“

Krumpfz (insistierend): „Nein! Sie gingen zum Dino-Gehege!“

Ich (verwirrt): „Ach, das Dino-Gehege ist in Fuchsis im Wald?“

Krumpfz: „Ja.“

Ich (weiter um eine konsistente Erzählung bemüht): „Also gingen sie zum Dino-Gehege und schauten sich die Dinos an. Was gab es denn da für Dinos?“

Krumpfz (freudig): „Ein großer Dino hat einen kleinen Dino umgebumsiet. Der hat mit seinem langen Schwanz den kleinen Dino umgebumsiet! Oh! Der kleine Dino ist in den Sand gefallen – Plumps! Aua!“

Ich: „Oh… Aua! Hat sich der kleine Dino wehgetan?“

Krumpfz (belustigt): „Nein! Der kleine Dino ist ganz sandig!“

Ich: „Okay, dann hat er sich bestimmt geschüttelt, um wieder sauber zu werden, oder?“

Krumpfz: „Nein, der kann sich nicht schütteln.“

Ich: „Aha?!“

Krumpfz: „Nur wackeln!“

Ich: „Ah, dann hat er gewackelt und dann ist der Sand abgefallen?“

Krumpfz: „Nein!“

Ich: „Okay… (schnell den Erzählfaden wieder aufnehmend) Naja, auf jeden Fall haben die Tierkinder eine Weile den Dinos zugeguckt und sind dann nach Hause gegangen, denn es war ein langer Tag gewesen.“

Krumpfz: „Nein! Sie gehen noch zu einem anderen Gehege!“

Ich (auf das Schlimmste gefasst): „So? Zu welchem denn?“

Krumpfz: „Zum Katzen-Gehege!“

Ich: „Okayyy… und konnte man die Katzen da streicheln?“

Krumpfz: „Ja. Da war eine Tür. Eine Tür aus Holz. Die machten sie auf und zu.“

Ich: „Und dann streichelten sie die Katzen?“

Krumpfz: „Ja.“

Ich (die Chance ergreifend): „Was für ein schönes Ende!“

Fuchsi und der Taucher

Allgemein

Ich bin in einem Haus voller Geschichten großgeworden. Seit ich denken kann, hat mir meine Mutter – auf dem Fußboden des Kinderzimmers sitzend, den Rücken an die in kalten Monaten wärmende Heizung gelehnt – jeden Abend aus Büchern vorgelesen. Vor allem an unsere Ausflüge in die Welt Astrid Lindgrens habe ich zum Teil noch lebhafte Erinnerungen – so zum Beispiel an den Abend, als wir am Ende der Geschichte der „Brüder Löwenherz“ beide vor Rührung weinen mussten.

Mein Vater hingegen hat mir nicht so oft Geschichten vorgelesen – er hat sie lieber selbst erfunden. Meistens war das sonntags der Fall, wenn ich mich zu ihm ins Bett meiner Eltern kuscheln durfte, um Mittagsschlaf zu machen. Von letzterer Vorgabe war ich nie wirklich begeistert, weswegen ich meinen Vater immer dazu zu überreden versuchte, mir eine Geschichte nach der anderen zu erzählen. Um aus dieser Misere einen Ausweg zu finden – und um mich zu ärgern – erfand mein Vater deshalb irgendwann die „Geschichte vom Taucher“, die in ihrer Reinform folgendermaßen geht:

„Es war einmal ein Taucher – gluckgluck, weg war er!“

Ich war natürlich als Kind immer schrecklich empört, wenn mein Vater auf meine Aufforderung nach einer Geschichte erstmal den blöden Taucher hervorholte – und das zunehmend eingebettet in zunächst vielversprechende Geschichtsanfänge. Ich erinnere mich zum Beispiel an folgende Taucher-Episode: „Es war einmal an einem wunderschönen, sonnigen Morgen. Auf einer Wiese, auf der viele Blumen wuchsen, lag noch der Tau. Auf einem Blatt war ein besonders großer Tautropfen, der im Sonnenlicht nur so funkelte. Und da hinein sprang ein Taucher – gluckgluck, weg war er!“ Nichtsdestotrotz blieb der Taucher Teil unseres Geschichtenuniversums.

Seit letztem Herbst hat nun Krumpfz auch seinen ganz persönlichen Geschichtenheld: Fuchsi. Alles fing damit an, dass wir im Spätsommer auf einem der unzähligen Kinderkleiderbasare waren und dort eine Frau, die „Fit Dank Baby“-Kurse bewarb, in der Schlange der Wartenden vor der Halle kostenlose Werbetütchen verteilte. Darin fand sich neben allerlei Nutzlosem auch eine kleine Fingerpuppe: ein roter Fuchs. Krumpfz wollte sie natürlich sofort haben und schon auf der Fahrt nach Hause ließ er sie nicht mehr los. Wir nannten den Fuchs – kreativ wie wir sind – Fuchsi. Er wurde zu Krumpfz‘ treuem Begleiter.

Fuchsi musste fortan überall mit hin – vor allem aber mit ins Bett. Vergaßen wir zum Beispiel, Fuchsi morgens mit in die Kita zu geben, war Krumpfz kaum zu einem Mittagsschlaf zu bewegen. Auch abends musste Fuchsi – zusammen mit allerlei Spielzeugautos und gut zugedeckt – mit in unserem Bett einschlafen.

Umso größer war der Schock, als ich Krumpfz eines regnerischen Morgens ausnahmsweise mit dem Auto zur Kita brachte und in der Hektik irgendwo Fuchsi verlor. Schon beim Abgeben meines Sohnes in der Kita merkte Krumpfz, dass Fuchsi nicht da war. Ich versicherte ihm, dass ich Fuchsi bestimmt wiederfinden würde, bis ich Krumpfz wieder abholen würde. Doch obwohl ich anschließend den Hof vor der Kita, das gesamte Auto und unsere Garage bis in die hintersten Winkel durchsuchte – Fuchsi blieb verschwunden. Ein weinendes Kind und schlaflose Nächte vor Augen beauftragte ich meinen Mann umgehend mit der Bestellung eines neuen Fuchsi-Exemplars im Internet.

Tatsächlich blieb der alte Fuchsi verschwunden – so dass wir sehr froh waren, dass der neue Fuchsi dank Express-Lieferung schon zwei Tage später bei uns eintraf. Zum Glück nahm Krumpfz den neuen Fuchsi ohne mit der Wimper zu zucken an und schloss ihn genauso ins Herz wie seinen Vorgänger.

Allerdings war Fuchsi nicht allein geliefert worden: Ihn gibt es nur in einem Paket mit zwei anderen Fingerpuppen – einem Frosch („Fröschli“) und einem Eichhörnchen („Hansi“) – zu kaufen. Beide Puppen hoben wir Eltern für den Adventskalender auf, aus dem sie Krumpfz in der Weihnachtszeit schließlich etwas zerknautscht befreite.

Bereits vorher begannen wir – oder besser gesagt: vor allem mein Mann – Geschichten rund um Fuchsi zu spinnen. Jede Geschichte beginnt dabei so:

„Es war einmal ein kleiner roter Fuchs, der wohnte mit seiner Familie unter einer alten Eiche. Und sein Name war: Fuchsi.“

Oft bestimmt Krumpfz, wie die Geschichte weitergeht – was dazu führt, dass Fuchsi regelmäßig mit dem Traktor des Bauern von nebenan unterwegs ist. Mal muss er eine vom Sturm umgewehte Eiche mit dem Forsttraktor abtransportieren, mal mit Traktor und Pflug dem Bauern auf dem Feld helfen. Natürlich kann Fuchsi auch noch allerhand andere Fahrzeuge fahren. Neulich erst hat er mit einem Bagger einen Krötentunnel ausgehoben. Mit dabei sind auch seine Freunde Fröschli, Hansi und Pu (dem Bären – einem Relikt aus frühen Tagen unserer Beziehung), die inzwischen auch allerlei Fahrzeuge fahren können.

Krumpfz ist folglich ziemlich begeistert von Papas Fuchsi-Geschichten und kann – vor allem abends, wenn er partout nicht schlafen gehen will – gar nicht genug davon bekommen. „Noch eine allerletzte!“, fordert er also, kaum dass mein Mann eine Fuchsi-Geschichte zu Ende gebracht hat. Natürlich ist die allerletzte Geschichte dann aber immer noch nicht genug und Krumpfz will „Noch eine allerletzte!“.

Das hat nun vor gut zwei Wochen dazu geführt, dass ich – als ich „noch eine allerletzte“ Geschichte erzählen sollte – einfach in die elterliche Trickkiste gegriffen und die Taucher-Geschichte erzählt habe. Beim ersten Mal war Krumpfz einfach nur verdutzt. Nach ein paar weiteren Taucher-Geschichten (an den nächsten Tagen) aber kapierte er langsam, dass der Taucher jede Erzählung abrupt beendet. Deswegen wünscht sich Krumpfz jetzt immer „Noch eine allerletzte – mit ohne Taucher!“. Ich kann es natürlich trotzdem nicht lassen, ihm immer mal wieder einen Taucher unterzujubeln. Denn so ein Taucher darf in keinem Geschichtenuniversum fehlen.

Vom Groß-Sein

Allgemein

Wenn Kinder klein sind, wollen sie irgendwann auch immer eins: Großsein. Auch Krumpfz treibt dieser Wunsch seit einigen Wochen um. Und er hat schon ganz konkrete Pläne: Wenn er mal groß ist, will er endlich unser gelbes Auto selbst in die Garage fahren. Und mit Papa Minigolf spielen. Und nach Amerika reisen. Und einen John Deere kaufen. Hier eine kleine Auswahl unserer Zukunftsgespräche mit dem Sohnemann.

Über Berufswünsche

Krumpfz und ich schauen das Buch „Ich hab einen Freund, der ist Lokführer“ an. Es endet mit „Wenn ich groß bin, will ich auch Lokomotivführer werden.“

Ich: „Und Krumpfz, was willst du mal werden, wenn du groß bist?“

Krumpfz: „Mama sagen!“

Ich: „Ich? Ich weiß doch nicht, was du werden willst. Ich kann dir was vorschlagen.“ Ich gehe die bekannten Berufe durch: Tierpfleger, Müllmann, Pilot, Baggerfahrer…

Krumpfz: „Baggerfahrer!“

Ich (latent suggestiv): „…oder Bauer, da kannst du dann jeden Tag Traktor fahren.“

Krumpfz: „Wenn Krumpfz größer ist, Bauer werden will!“

Ich: „Okay! Und was für einen Traktor willst du dann haben?“

Krumpfz (emphatisch): „Einen John Deere mit Anhänger!“

Ich: „Und willst du auch Tiere haben?“

Krumpfz: „Schafe!“

Papa: „Auch Hühner?“

Krumpfz: „Nein! Nur Schafe!“


Über Festivalbesuche

Krumpfz begleitet mich (wie so oft) auf die (Gäste-) Toilette. Am Spiegel hängen die alten Festival-Bändchen von meinem Mann und mir.

Krumpfz: „Krumpfz Grünes und Blaues haben will!“

Ich: „Okay, aber nur die beiden! Das sind alte Festival-Bändchen, die sollen nicht verloren gehen!“

Krumpfz: „Ja.“

Ich: „Weißt du, was ein Festival ist?“

Krumpfz (wie immer bei einer solchen Frage selbstbewusst): „Ja!“

Ich (wohl wissend, dass er keine Ahnung hat): „Bei Festivals wird Musik gespielt. Von Musikern auf der Bühne. Mit Instrumenten wie Schlagzeug und Gitarre. Also nicht von CD, sondern in echt. Und da gehen ganz viele Menschen hin, um sich die Musik anzuhören. Die übernachten da dafür sogar in Zelten.“

Krumpfz: „Wenn Krumpfz größer ist…“ (hält inne)

Ich: „…willst du auch auf ein Festival?“

Krumpfz: „Ja.“

Ich: „Und willst du da dann auch zelten?“

Krumpfz: „Nein.“

Ich: „Ah, du willst nur die Musik anhören?“

Krumpfz: „Nein.“

Vielleicht ist Krumpfz dann doch nicht so der Festival-Typ.


Vom Heiraten

Krumpfz und ich schauen uns zum wiederholten Mal das Wimmelbuch zum nächstgelegenen Zoo an. Auf Seite 2: eine Brautpaar, das gerade geheiratet hat (Was im Zoo heutzutage alles so machen kann!).

Krumpfz: „Die beiden verheiratet.“

Ich: „Ja, die haben gerade geheiratet. Mama und Papa sind auch verheiratet – guck, Mama trägt wie Papa einen Ring, der zeigt, dass wir zusammengehören.“

Krumpfz: „Wenn Krumpfz ganz größer ist, dann auch verheiraten.“

Ich: „Okay, und wen willst du heiraten?“

Krumpfz: „Papa!“

Linsen pinsen

Allgemein

Wir wohnen hier ja mitten im Schwäbischen. Das bedeutet nicht nur, dass hier alle alles außer Hochdeutsch können, sondern auch, dass wir eine enge kulinarische Beziehung zu Linsen haben. Denn eins lernt man als „Neig’schmeckte“ hier schnell: Linsen mit Spätzle gehen immer! Sie sind die sichere Bank, wenn man irgendwo zum Essen einkehrt und sich der Künste des Kochs nicht sicher sein kann. Selbst die Mensa unserer Unistadt konnte viele Gerichte bis zur Unkenntlichkeit verkochen – Linsen und Spätzle hingegen trotzten selbst der gröbsten Behandlung durch das mürrische Küchenpersonal und waren immer genießbar.

Zu Hause haben wir Linsen mit Spätzle noch nie selbst gekocht. Nichtsdestotrotz haben Linsen inzwischen Einzug in unseren Alltag gehalten. Und zwar als Spielmaterial.

Alles begann mit Krumpfz‘ Leidenschaft für Spielzeugautos. Kaum war er in die Krippe eingewöhnt, entdeckte er die kleinen Autos, Baustellenfahrzeuge und Landmaschinen für sich. Zu Hause hatten wir noch streng darauf geachtet, dass Krumpfz keines dieser Miniaturvehikel in die Hände bekommt – schließlich stand auf jeder Verpackung, dass diese kein Spielzeug für Kinder unter drei Jahren seien! Als sich unser Sohn jedoch jeden Morgen in der Kita sofort zu Plastik-Parkgarage und Fahrzeugkiste aufmachte und die Erzieherinnen dies mit entspannter Miene begleiteten, gaben wir auch zu Hause langsam nach. Den ersten kleinen Bagger brachten Krumpfz und ich aus dem hiesigen Second-Hand-Laden mit. Der Baggerarm war schon ziemlich ausgeleiert und an der Schaufel fehlten bereits zwei Zähne. Trotzdem war dieser gelbe Minibagger fortan Krumpfz‘ großes Glück. Ich erinnere mich noch, dass er ihn teilweise zum Einschlafen mit ins Bett nahm (und ich dann nachts wach wurde, weil mir plötzlich der Metallkörper des Baggers in die Seite piekste). Auch in unseren Fasnetsflucht-Urlaub auf Mallorca vor einem Jahr trug Krumpfz den kleinen Bagger so gut wie immer bei sich – bis schließlich die Schaufel ganz abbrach und der Bagger damit quasi seine Bestimmung verlor.

Zurück in der Heimat wurde der gelbe Minibagger durch das exakt gleiche Modell ersetzt. Zudem führte die anbrechende Flohmarkt-Saison gepaart mit einer anhaltenden Begeisterung für alles, was Räder hat, dazu, dass Krumpfz‘ Fuhrpark stetig wuchs. Jetzt, gut ein Jahr später, zähle ich hier 84 kleine Rennautos, Traktoren, Nutzfahrzeuge, Bagger, Kipplaster, Anhänger und was nicht noch alles. Und da sind die Bruder-, Playmobil- und Duplo-Fahrzeuge noch gar nicht mitgezählt.

Parallel zum wachsenden Fuhrpark entdeckte Krumpfz in der Krippe eine große Wanne voller Reis für sich: Die „Reissteine“ konnte man prima mit dem Minibagger in die Kipplaster und Anhänger schaufeln – was Krumpfz mit einer so großen Ausdauer und Begeisterung betrieb, dass wir schließlich auch zu Hause ein Tablett mit Reis zum Schaufeln bereitstellten.

Allerdings wurden wir Eltern schnell der Illusion beraubt, dass der Reis auf dem Tablett blieb. Fortan mussten wir abends nicht nur Kieselsteine, sondern auch noch Reiskörner vom Wohnzimmer-Boden aufklauben. Deswegen verschwand das Reistablett recht bald wieder.

Irgendwann im letzten Herbst aber kam mein Mann nach einem Einkauf im Supermarkt mit einer Packung Linsen nach Hause – natürlich nicht zum Kochen, sondern für Krumpfz. Schließlich sähen die Linsen viel mehr nach Baustelle aus, als der Reis, argumentierte er.

Seither sind ca. 350 Gramm Linsen (Gewicht täglich abnehmend!) Krumpfz‘ tägliches Spielmaterial. Schon morgens nach dem Aufstehen fordert Krumpfz uns zum „Linsen spielen“ auf, was bedeutet, dass die am Vorabend mühevoll zusammengeklaubten Linsen auf einen Haufen geschüttet und dann mit allerlei Baustellenfahrzeugen bearbeitet werden. Wir Eltern bekommen dafür in der Regel den alten, gelben Radlader zugewiesen, in dessen Schaufel nur ca. 10 Linsen passen. Mit diesem dürfen wir damit mühevoll einen Kipplaster beladen, den Krumpfz dann an fast identischer Stelle wieder entleert. Währenddessen schaufelt Krumpfz mit dem großen Radlader und Bagger ebenfalls Linsen in Traktor-Anhänger und John-Deere-Kipper, die dann auch an gleicher Stelle ihre Ladung wieder auskippen. Für einen Erwachsenen (mich) macht das keinen Sinn, für Krumpfz aber ist es scheinbar die erfüllendste Aufgabe überhaupt. Stundenlang baggert er Linsen von A nach A. Mit seinem Papa hat er längst seinen eigenen Begriff für diese Tätigkeit entwickelt: das „Linsenpinsen“.

Anfangs hat mich das „Linsenpinsen“ schrecklich gelangweilt – das Baggern ohne Ziel erschien mir als reine Zeitverschwendung. Nachdem Krumpfz aber im letzten Monat sowohl Magen-Darm- als auch grippekrank war und teilweise vor Wut über die Erkrankung die Linsen wirklich überall (wirklich überall!) hinschmiss, weiß ich ein friedliches „Linsenpinsen“ nun sehr zu schätzen. Und nach einem stressigen Arbeitstag fühlt es sich sogar manchmal so an, als würden wir mit den Baustellenfahrzeugen auf unserem Wohnzimmer-Teppich einen Miniatur-Zen-Garten erschaffen. Vielleicht sollten wir uns das als schwäbische Entspannungsmethode patentieren lassen – kosch‘ ja ned viel.

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Der blaue Elefant

Allgemein

Seit ein paar Wochen haben wir einen neuen Mitbewohner. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich von ihm halten soll: Er kommt und geht, wann er will und sein Benehmen ist oft etwas ungehobelt. Und dazu – das ist vielleicht nicht ganz unerheblich – ist er ein blauer Elefant.

Der blaue Elefant zog irgendwann um Weihnachten hier ein. So ganz genau wissen wir es aber nicht mehr, weswegen sich sein erstes Auftauchen nur noch grob rekonstruieren lässt: Krumpfz alberte mit seinem Papa im Wohnzimmer herum, wahrscheinlich waren Kissen und verschiedene Kitzelmanöver Teil der Szenerie. Irgendwann in diesem Durcheinander nannte mein Mann Krumpfz eine „Quatschnudel“, worauf letzterer kurz innehielt und mit ernster Miene insistierte: „Nein, ein blauer Elefant!“

Seither taucht der blaue Elefant immer mal wieder bei uns auf – besonders oft beim Mittagessen. Er ist dann meist ganz schön frech, macht Dinge, die wir Eltern nicht mögen oder ist einfach nur ziemlich albern. Meist ist er nach kurzer Zeit wieder verschwunden.

Vor ein paar Wochen saßen wir zum Beispiel nach dem Essen noch ein paar Minuten am Esstisch und wir Eltern unterhielten uns (was mit Kleinkind ja schon Herausforderung genug ist). Vermutlich um nicht in Vergessenheit zu geraten, nahm Krumpfz einen großen Schluck „Bitzelwasser“ und rülpste (oder versuchte es zumindest). Mit breitem Grinsen und erwartungsvollen Augen sah er uns an und wartete auf unsere Reaktion. Von seinem Papa wollte er sicherlich lobende Worte hören, hatte er ihn doch erst Tage zuvor in die Geheimnisse des männlichen Urgeräuschs eingeweiht. Ich, die ich gut auf Rülpskonzerte am Tisch (und im Leben generell) verzichten kann, verzog hingegen das Gesicht: „Och nö, Krumpfz! Nicht machen, das ist ekelig!“ Von diesem Verbot und dadurch, dass sich mein Mann seinen väterlichen Stolz und ein Lachen nur schwer verkneifen konnte, animiert, setzte Krumpfz erneut den Becher an, trank einen großen Schluck und versuchte sich an einem neuen Rülpser. Wieder schaute er uns mit einem herausfordernden Lachen an. „Du bist ein Frechdachs, weißt du das?“, sagte ich mit gespieltem Ärger, aber nun doch mehr lachend. Da guckte mich Krumpfz plötzlich ernst an und sagte bestimmt: „Nein, ein blauer Elefant!“

Woher der blaue Elefant kommt, wissen wir nicht. Klar hat Krumpfz längst Bekanntschaft mit dem kleinen blauen Elefanten, dem treuen Freund der Maus, gemacht. So richtig viel hatte er mit ihm aber noch nie am Hut. Er kennt zwar die Maus-Spots (die wir ihm eine Zeit lang beim Wickeln und beim Frisör vorgespielt haben, um überhaupt an ihn heranzukommen). Und er hat auch ein entsprechendes Kuscheltier von uns geerbt (warum auch immer wir Erwachsenen so etwas besitzen!). Aber die Begeisterung für Maus-Spots ist längst einer für Videos über Bau- und Landmaschinen gewichen und der blaue Kuschelelefant konnte sich (wie alle anderen Kuscheltiere) nie richtig gegen das braune Kissen durchsetzen.

Immerhin scheint das Elefanten-Alter-Ego aber in der Familie zu liegen: Wir Eltern sind laut Krumpfz nämlich auch blaue Elefanten und sogar die Großeltern sind Teil unserer Dickhäuter-Dynastie. Wenn Sie also demnächst irgendwo eine Horde blauer Rüsseltiere sehen – das wären dann wir.

Dätschi!

Allgemein

Ich komme ja aus einer Winke-Familie. Was das ist? Nun, den Begriff habe ich selbst erfunden. Er bezeichnet die Art und Weise, wie man sich in meiner Familie verabschiedet – nämlich durch exzessives Winken. Zumindest war das früher so, als wir noch mit drei Generationen unter einem Dach wohnten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit meiner Mutter immer im Haustürrahmen stand, während meine Tante und mein Onkel nach einem Besuch in ihren dunklgrünen Nissan stiegen und fortfuhren. Ich war dann immer etwas traurig. Aber spätestens, wenn mein Onkel dann die Warnlichter anmachte und hupte, während er das Auto die Straße hinuntersteuerte und wir den beiden wie wild hinterherwinkten, war die Szene auch gleichzeitig so witzig, dass ich die Traurigkeit über den Abschied kurz vergaß.

Auch sonst wurde in meiner Familie immer viel gewunken: Wenn Opas Familie aus Brandenburg kam, stand zum Abschied unsere ganze Familie vor der Haustür und winkte, bis die Verwandtschaft mit ihrem Auto an der nächsten Kreuzung abbog. Wenn ich mit meinen Eltern in den Urlaub fuhr, standen meine Großeltern vor dem Haus und winkten uns mit besorgtem Blick hinterher – dabei fuhren wir doch nur nach Bayern und nicht ans andere Ende der Welt! Und auch als ich schließlich von zu Hause auszog, winkten mir meine Eltern tapfer hinterher, als ich in meinem voll beladenen Peugeot die Heimat verließ.

Umso erstaunlicher war es also, dass Krumpfz von diesem Winke-Gen so scheinbar gar nichts abbekommen hatte. Während andere Babys schon mit sieben Monaten zum Abschied fleißig winkten, zeigte sich Krumpfz bei Abschieden unbeeindruckt: Er ignorierte sie einfach. Weder wir Eltern, noch die Großeltern oder gar Freunde konnten von ihm eine Abschiedsgeste erwarten.

Später, als ich nach einem Jahr als Vollzeit-Mama wieder arbeiten ging, quittierte Krumpfz mein Fortgehen zunächst mit Weinen und herzzerreißenden Rufen nach „Mama“, während ich schlechten Gewissens durch das Treppenhaus davoneilte. Zwar gewöhnte er sich irgendwann an den Zustand, dass Mama morgens das Haus verließ – verabschieden wollte er sich aber immer noch nicht. Auch wenn mein Mann ihn morgens in der Krippe abgab, war aus Krumpfz kein „Tschüss“ herauszubekommen. Stattdessen ließ er meinen Mann einfach stehen.

Dafür bekam sein Freund Tom*, der sich, unbeirrt von Krumpfz‘ Ignoranz, nach jeder Begegnung fröhlich verabschiedete, irgendwann als Erster ein „Tschüss, Tom!“. Und auch bei mir begann sich Krumpfz manchmal und dann zaghaft zu verabschieden. So richtig warm wurde er mit der Situation aber nicht, das merkte man.

Doch als wir Eltern gerade beschlossen hatten, dass das Abschiednehmen einfach nicht Krumpfz‘ Ding war, und wir uns höflich bei jedermann für das Nichterwidern eines „Tschüss, Krumpfz!“ entschuldigten („Er hat’s nicht so mit Abschieden.“), entdeckte Krumpfz plötzlich das Winken für sich. Quasi über Nacht wurde aus dem eher mürrischen Abschiednehmer ein enthusiastischer Winker. Fortan wurden all unsere Gäste mit überschwänglichem Gefuchtel und einem „Tschüssi! Bye, bye“ von einem fröhlich lachenden Krumpfz‘ verabschiedet.

Gleichzeitig interessierte sich Krumpfz plötzlich für unsere verschiedenen Abschiedsformeln, die ich ihm eines Abends im Bett alle aufzählen musste. So fanden wir heraus, dass Opa Micha „Tschaui“ sagt, während Oma Marianne eher „Tschüssi“ verwendet, Papa wiederum „Bye, bye!“ benutzt und Mama „Tschüüühüüüs!“ ruft. Irgendwann, als wir alle Mitglieder unserer zugegebenermaßen kleinen Familie durchhatten, hatte Krumpfz noch immer nicht genug. „Was noch?“, fragte er und sah mich mit erwartungsvollen Augen an. Spontan fiel mir da nichts Besseres als „Arrivederci!“ ein und ich erklärte Krumpfz, dass die Menschen auf der anderen Seite der Berge sich so verabschiedeten.

Am nächsten Morgen hatte ich unseren abendlichen Exkurs ins Italienische schon längst wieder vergessen. Doch als ich mich von Krumpfz mit Winken und „Tschüüühüüüs!“ verabschiedete, schaute er mich plötzlich erwartungsvoll an: „Was noch?“ Ich dachte nach. Dann fiel es mir wieder ein: „Arrivederci!“ Krumpfz lachte, winkte und rief „Dätschi Mama!“. Und was soll ich sagen? Seither ist das wahrscheinlich furchtbar falsch ausgesprochene „Arrivederci!“ die Abschiedsformel, die Krumpfz immer auch noch von mir hören will. Ich fürchte, ich muss jetzt doch noch Italienisch lernen.

* Der im echten Leben anders heißt.

 

4. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

als ich in der zweite Klasse, also acht Jahre alt war, kam deine Oma aufgewühlt von einem Elternabend in der Grundschule zurück. Dort hatte sie erfahren, dass mein geliebter Klassenlehrer Herr Schicht die Schule am Ende des Schuljahres verlassen würde. Das bekümmerte sie sehr – wusste sie doch, dass ich an ihm hing. Die ganze Nacht machte sie deswegen kein Auge zu – und noch heute erzählt sie mir immer wieder von jenem Abend und was für Sorgen sie sich gemacht hatte.

Als junge Erwachsene konnte ich ihre Erzählung immer nur belächeln; wie süß war es doch, dass sich meine Mama wegen so einer Kleinigkeit Sorgen gemacht hatte. Schließlich war meine Grundschulzeit auch ohne Herrn Schicht schön und mir gut in Erinnerung geblieben.

Jetzt, als deine Mama, kann ich die Sorgen meiner eigenen nur zu gut verstehen. Denn gerade stehen wir vor einer ganz ähnlichen Situation: Deine Erzieherin Tina hatte heute ihren letzten Arbeitstag in deiner Krippe. Sie war ein Jahr so etwas wie deine Verbündete in der Kita – hat dich so genommen, wie du bist, deine Bedürfnisse erkannt und ernstgenommen und dich sowohl beim täglichen Abschiedsschmerz als auch bei spontanen Grippeattacken getröstet und im Arm gehalten. Dass Tina heute geht, macht dich traurig. Das hast du mir gesagt – auch wenn du den vollen Umfang des Abschieds noch nicht begreifst. Ich dafür weiß, was er bedeutet. Und könnte heulen.

Ich habe schon mal darüber geschrieben, dass Papa und ich es uns mit der Auswahl deiner Krippe nicht leicht gemacht haben. Am Ende der Krippen-Besichtigungen dachten wir, wir hätten einen sicheren Hafen für dich gefunden. Nach einem Jahr nun sieht alles ganz anders aus: Alle drei Erzieherinnen, die dich im ersten Jahr umsorgt und betreut haben, haben nach und nach deine Krippe verlassen. Heute geht mit Tina die letzte aus dem Team, das dich einst so liebevoll aufgenommen hat.

Es tut mir so unendlich leid, dass du das mitmachen musst – gerade du, der nicht so schnell jemanden an sich heranlässt, dessen Gunst man nur langsam gewinnt und der Abschiede nicht mag. Papa und ich haben viel dafür getan, dass es den Erzieher/innen in deiner Krippe besser geht – am Ende aber konnten wir nicht verhindern, dass sie in andere Einrichtungen wechseln. Warum? Das kann ich dir mal erklären, wenn du größer bist.

Und es tut mir nicht nur leid – mich plagen auch Gewissensbisse: Dass ich dich so früh in die Krippe gegeben habe, weil ich unbedingt an meine jetzige Arbeitsstelle versetzt werden wollte. Dass ich bei der Wahl der Krippe vielleicht doch die falsche Entscheidung getroffen habe.

Papa und ich stecken nun in einer Zwickmühle, die uns nicht schlafen lässt: Sollen wir dich für die nächsten Monate, bis zum Beginn der Kindergartenzeit, aus der Krippe, deinem immerhin noch gewohnten Umfeld, reißen und vielleicht lieber von einer Tagesmutter betreuen lassen? Oder sollen wir dich in der Krippe lassen und darauf hoffen, dass die nächsten neuen Gesichter in deiner Gruppe nett sind und nicht nach drei Monaten das Weite suchen? Wir sind ratlos. Es kommt uns so vor, als könnten wir nur verlieren.

Ich hoffe trotzdem, dass wir einen Weg finden werden, mit dem es dir gutgeht. Damit du irgendwann mit einem Lächeln auf den Lippen diesen Brief liest – weil du so gar nicht nachvollziehen kannst, warum ich mir solche Sorgen gemacht habe.

In Liebe,

deine Mama