„Wenn Corona vorbei ist…“

Allgemein

Vor fast genau einem Jahr saßen Krumpfz, sein Papa und ich im ICE nach Hannover. Wir waren (wie die Jahre zuvor auch) auf der Flucht vor der schwäbischen Fasnet, die in unserer Straße vor allem sechs schlafgestörte Nächte bedeutet, weil die ganze Kleinstadt um uns herum im närrischen Chaos versinkt. Für diese Zeit gewährten uns meine Eltern Asyl in der norddeutschen Tiefebene, wo man sich – schon allein durch die trockene Mentalität der Einheimischen bedingt – vor überschwänglichem Faschingsfirlefanz nicht zu fürchten braucht.

Tatsächlich erinnere ich mich in der Retrospektive vor allem an zwei Dinge unserer Fasnetsflucht: an eine Menge Regen und einen Tagesausflug nach Hamburg (auch im Regen). Ich weiß noch, wie ich allein mit Krumpfz im Buggy an den Landungsbrücken gegen Wind und einsetzenden Regen anschob, weil Krumpfz unbedingt noch ein zweites Mal das Feuerwehrboot, das dort vor Anker lag, anschauen musste (Der Rest der Familie saß da längst in einem Café und wärmte sich bei Tee und Scones auf.) Und ich erinnere mich noch genau daran, wie wir zu fünft durch’s Halbdunkel des Miniaturwunderlands schlenderten, von einer winzigen Welt zur nächsten, immer auf der Suche nach einem Platz zwischen den vielen anderen Besuchern, die auch aus der ersten Reihe auf Flughafen, Elbphilharmonie, Las Vegas oder Feuerwehreinsatz blicken wollten.

Heute kann ich mir gar nicht mehr richtig vorstellen, wie sich das eigentlich anfühlt, zwischen so vielen Menschen zu sein – wenn ich an den Tag in Hamburg zurückdenke, macht sich eine Mischung aus Wehmut und Schaudern in mir breit. Denn wenn wir in den letzten zwölf Monaten etwas lernen mussten, dann ist es Abstand zu halten – Abstand zu Fremden, Abstand zu Freunden, Abstand zu unseren Liebsten. Am Anfang der Coronavirus-Pandemie war das irgendwie noch aufregend, unheimlich und surreal. Am Anfang war bald danach Sommer und wir konnten über weite Strecken so tun, als wäre das Virus weit weg. Am Anfang dachten wir noch, dass bestimmt bald wieder alles vorbei ist. Am Anfang hat Krumpfz das alles noch gar nicht richtig verstanden.

Nach einem Jahr ist das anders. Nach einem Jahr ist wieder Winter. Nach einem Jahr ist wieder Lockdown. Nach einem Jahr ist von meiner sonst recht robuste Resilienz nur noch ein wackeliger Wille zum Weitermachen übriggeblieben. Nach einem Jahr fehlt mir so viel, dass ich nicht weiß, womit ich die Liste anfangen sollte. Nach einem Jahr sagt Krumpfz plötzlich: „Wenn Corona vorbei ist…“

„Wenn Corona vorbei ist, fahren wir mit Oma und Opa wieder nach Hamburg.“

„Wenn Corona vorbei ist, möchte ich Tante Gabi zu Hause besuchen und meine Brio-Bahn bei ihr aufbauen.“

„Wenn Corona vorbei ist, möchte ich Elli* zu Hause besuchen.“

„Wenn Corona vorbei ist, möchte ich mit Tom* an den Märchensee gehen.“

„Wenn Corona vorbei ist, gehen wir wieder in den Zoo.“

Die Vervollständigung des Satzes tröstet Krumpfz, der inzwischen versteht, dass da draußen eine Krankheit ist, an der sich viele Menschen anstecken. Er nimmt es hin, dass wir Eltern überall in der Öffentlichkeit eine medizinische Maske tragen. Er akzeptiert, dass er seine Großeltern im Norden gerade nicht besuchen kann. Er versteht, dass er seine Großeltern aus dem Süden nur bei gutem Wetter draußen treffen kann (und in diesem Winter gab es nicht viele Tage dieser Art). Er scheint unberührt, wenn seine Kindergartengruppe von jetzt auf gleich geschlossen und für 10 Tage in Quarantäne geschickt wird, weil sich wieder zwei aus der Gruppe mit dem Virus infiziert haben.

Mich macht der Satz dagegen traurig, weil er mir zeigt, was Krumpfz alles verpasst. Dabei hat er – haben wir – noch Glück: Weil wir Eltern beide arbeiten, darf er dieses Mal trotz Lockdown in die Notbetreuung im Kindergarten gehen. So hat er immerhin feste soziale Kontakte außerhalb unserer eigenen vier Wände. Gleichzeitig heißen Notbetreuung im Kindergarten und meine Arbeit aber auch, dass wir kaum jemanden treffen können. Zu groß ist die Gefahr, dass wir aus Kindergarten oder Schule das Virus mitbringen und andere anstecken. Ob unsere Freundschaften das aushalten, bis Corona vorbei ist?

Der einzige Lichtblick ist unser „Stückle“, das wir letztes Jahr im Juni gepachtet haben. Für mich ist es ein „Stückle vom Glück“, denn eingebettet zwischen Feldern, Büschen und Wiesen und weit weg vom nächsten Dorf ist die Pandemie dort unsichtbar. Dort gibt es keine Menschen mit Masken, keine Schilder mit Abstandsregeln – und nicht mal Quarantäne. Denn weil das Stückle uns überlassen ist, dürfen wir selbst im Isolierungsfall noch dorthin. Erst letztes Wochenende sind wir mit Krumpfz (der gerade wegen neuer Corona-Fälle im Kindergarten mal wieder in Qurantäne war) bei Minusgraden und Schneewehen zu unserem Stückle rausgefahren, um wenigstens ein bisschen frische Luft zu kriegen. Und auch heute waren Krumpfz und ich – dieses Mal bei 11 Grad plus – draußen auf der Wiese und haben gematscht, gebuddelt und am Ende sogar ein Wildblumenbett angelegt.

Nur manchmal holt uns die Coronakrise selbst dort wieder ein: „Wenn Corona vorbei ist, machen wir hier draußen ein großes Sommerfest mit all unseren Freunden“, sagen mein Mann und ich dann und müssen bei dem Gedanken daran dann doch auch ein wenig lächeln.

* die in Wirklichkeit beide anders heißen

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