5. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

irgendwann – da bin ich mir recht sicher – wirst du in der Schule über dieses Jahr stolpern: 2020. Vielleicht in einer Statistik in Wirtschaft zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts, vielleicht in einem kontroversen Text in Gemeinschaftskunde über staatliche Interventionen in die Wirtschaft, vielleicht aber auch in Biologie beim Thema „Viren“. So oder so: Dieses Jahr wird in die Geschichte eingehen – als globale „Coronakrise“.

Ich habe das so nicht kommen sehen – und ich denke, dass ich damit nicht allein bin: Wegen einer Infektionskrankheit namens „COVID-19“ (was für coronavirus disease 2019 steht), die wir hier in Deutschland verkürzt „Coronavirus“ nennen, hat sich unser Leben in den letzten drei Monaten total gewandelt.

Alles begann (soweit wir es bisher wissen) Ende 2019 im chinesischen Wuhan, wo das Virus zuerst diagnostiziert wurde. Schnell wurde klar: Das Virus überträgt sich leicht per Tröpfcheninfektion von einem Menschen auf den nächsten – und das teilweise schon vor Beginn der Symptome. Bei den meisten Erwachsenen (und zum Glück bei der Mehrzahl der Kinder) verläuft die Erkrankung milde, aber gerade ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen können schwer erkranken und daran sterben. Und mit älteren Menschen sind auch deine Großeltern gemeint. Es gab weder Medikamente noch eine Impfung gegen diese Krankheit.

Insofern musste schnell gehandelt werden, als sich das Virus über den Globus und schließlich auch in Deutschland verbreitete. Während in anderen Ländern wie Italien und Spanien für Wochen komplette Ausgangssperren verhängt wurden, bestand der „Lockdown“ hier in Deutschland aus der Schließung aller Schulen und Kitas (13.03.2020), sämtlicher Geschäfte (mit Ausnahme der Super- und Drogeriemärkte, Apotheken und Tankstellen) und öffentlichen Einrichtungen (darunter auch Spielplätze, 16.03.2020) und einem Kontaktverbot (22.03.2020).

Die neun Tage von Schul- und Kitaschließungen bis zum Kontaktverbot verfolgten dein Papa und ich wie das Kaninchen vor der Schlange: ängstlich und regungslos. Ungläubig lief ich am Tag nach Schließung quasi aller Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen mit dir durch unsere Stadt und sah die geschlossenen Geschäftstüren und Cafés. Fast niemand war außer uns unterwegs, unsere Schritte hallten dünn über das Kopfsteinpflaster. Noch am Tag zuvor hatten wir uns mit Papa nach einer Radtour auf dem Marktplatz ein Eis geholt – es sollte das letzte Eisdielen-Eis für eine lange Zeit werden.

Als wir an jenem ersten Tag der Schließungen an dem Spielplatz unweit unseres Hauses vorbeikamen, musste ich dir sagen, dass du dort nicht mehr spielen dürftest. Das hast du nicht verstanden. Du warst traurig und hast bitterlich geweint – so gerne hättest du mit deinem Spielzeugbagger im Sand gebuddelt. Ich kniete mich zu dir und nahm dich in den Arm. Ich versuchte dir zu erklären, was da passierte und was ich selbst noch nicht begriffen hatte: dass es da draußen eine Krankheit gibt, die viele Menschen krank macht und dass wir helfen müssen, dass alle gesund bleiben, indem wir Abstand halten und nicht mehr auf den Spielplatz gehen. Meine Erklärung trocknete deine Tränen.

In den folgenden Monaten musstest du auf vieles verzichten: auf den Urlaub mit deinen Eltern auf Mallorca, der für Ostern geplant war; auf ein paar Ferientage im Norden bei den Großeltern; auf Treffen mit deinen Großeltern im Süden; auf Spielplatz-Nachmittage mit deinem besten Freund Tom*; auf Treffen mit deinen Patentanten, auf Vormittage mit deiner Tagesmutter… Du hast es nur selten gezeigt – aber all das hat dir gefehlt.

Dafür hattest du deine Eltern immer um dich. Denn dein Papa und ich waren plötzlich beide im Home Office und damit die ganze Zeit zu Hause. Schnell musstest du aber lernen, dass deine Eltern nur Zeit für dich haben, wenn sie nicht im Arbeitszimmer am Computer sitzen und dass eine Videokonferenz in jedem Fall hieß, dass du still sein musstest. Wir Eltern dagegen mussten lernen, unseren Arbeits- und Familienalltag unter einen Hut zu bekommen. Das fiel uns anfangs noch leicht, weil unsere Arbeitgeber erst einmal auf die digitale Kommunikation umstellen mussten. Außerdem hatte ich da noch die Kraft, meine Arbeitszeit in die frühen Morgenstunden zu verlegen: Während du und Papa noch schlieft, schlich ich mich ins Arbeitszimmer und erledigte die wichtigsten Arbeiten für den Tag. Als meine Energie dafür aber nicht mehr reichte und unsere Arbeitgeber sich auf digitales Arbeiten umgestellt hatten, waren dein Papa und ich jeden Tag Arbeitnehmer und Eltern zugleich. Dadurch wurden wir jeden Tag etwas unausgeschlafener, ungeduldiger, unausgeglichener… Es war sicher nicht immer leicht mit uns.

Wir versuchten, das Beste aus der Situation zu machen und das Positive zu sehen: Immerhin waren wir alle gesund. Immerhin war niemand aus der Familie oder dem Freundeskreis erkrankt. Immerhin hatten Papa und ich beide einen sicheren Job (während viele andere ihren Job verloren und Millionen in die Kurzarbeit gehen mussten). Immerhin konnten wir von zu Hause arbeiten.

Zuerst rettete mir eine Baustelle hier gleich um die Ecke etliche Vormittage, an denen ich nicht wusste, wo ich mit dir hingehen konnte, wo doch Spielplätze gesperrt und die Innenstädte gespenstisch leer waren. So wurde es zu unserem täglichen Ritual, nach dem Frühstück erst einmal mit dem Laufrad (du) und dem Buggy (ich) zur Baustelle zu gehen. Die Baustelle war groß und du warst ganz begeistert von dem riesigen türkisfarbenen Raupenbagger, der eine große Entwässerungsrinne grub. Und mir tat es gut, den Bauarbeitern bei ihrer täglichen Arbeit zuzusehen – scheinbar unberührt und unbeeindruckt vom Coronavirus. Über Wochen war die Baustelle unsere Konstante und der Baggerfahrer begrüßte uns am Ende der Bauphase mit einem Winken mit der großen Schaufel.

An den Nachmittagen ergriffen wir die Flucht ins Grüne: Trotz zum Teil nochmals richtig winterlicher Temperaturen vertrieben wir uns die Tage mit Laufrad/Buggy-Touren zu verwunschenen Seen, durch kantige Steinbrüche, kühle Bachtäler und sonnige Streuobstwiesen. Seit ich selbst Kind war, hatte ich den Beginn des Frühlings nicht mehr so hautnah erlebt, wie in den Monaten, die nun folgten. Auf jeder Tour gab es etwas Neues zu entdecken: erste Blumen, einen Tagpfauenauge, Regenwürmer, Frischlinge, Kaulquappen, Enten-Jungen, Schwanen-Babys… es war toll, dir das alles zeigen und erklären zu können.

Daneben versuchten wir, dir Abwechslung zu bieten: Wir stellten einen Sandkasten auf, der die Hälfte unserer Balkon versperrte, damit du weiter im Sand spielen kannst. Ich pflanzte mit dir Bohnen, Tomaten und Paprika auf der anderen Hälfte. Ich machte Knete selbst und kauften dir Tusch- und Fingerfarben. Dein Papa investierte in eine große Kiste gebrauchter Spielzeugautos und eine neue Tüte Linsen.

Derweil veränderte sich das alltägliche Leben komplett: Im Supermarkt, wo fortan nur noch dein Papa allein einkaufen ging, durfte sich nur noch eine begrenzte Zahl von Menschen gleichzeitig aufhalten. Lebensmittel wie Nudeln oder Hefe und Drogerie-Artikel wie Toilettenpapier wurden rationiert, weil einige Bürger/innen diese aus Panik zu hamstern begannen. Wir mussten (und müssen immer noch) zu allen anderen Menschen mindestens 1,5 Meter Abstand halten. Treffen mit Familie und Freunden waren lange Zeit untersagt und sind immer noch eingeschränkt. Nach jedem Kontakt mit der Außenwelt sollte man sich die Hände mindestens waschen, wenn nicht am besten desinfizieren. Und die Schulen und Kitas blieben weiter geschlossen, da nicht klar war (und ist), welche Rolle Kinder und Jugendliche bei der Weiterverbreitung des Virus spielen.

Es waren einsame Wochen – wir nur zu dritt, du und ich oft allein unterwegs. Du beklagtest dich nie. Wie sehr dir trotzdem dein Freund Tom gefehlt hatte, merkte ich erst, als Toms Mutter und ich es nicht mehr aushielten und uns kurz vor Ende des Kontaktverbots mit euch Jungs im Wald auf einen Spaziergang mit Abstand trafen. Tom und du brauchtet eine ganze Zeit, um euch wieder aneinander heranzutasten. Am Ende aber hattet ihr so viel Spaß dabei, zusammen durch den Wald zu rennen, dass wir alle Tränen lachen mussten. Von da an trafen wir uns jede Woche im Wald. Am 07. Mai fiel dann das Kontaktverbot.

Danach kamen auch deine Großeltern aus dem Süden wieder zu Besuch, um Nachmittage mit dir draußen zu verbringen. Sie wollten es sich nicht länger nehmen lassen, dich zu sehen und mit dir zusammen zu sein. Uns Eltern half das natürlich sehr: Jede Minute, die du mit Oma und Opa unterwegs warst, konnten wir im Home Office verschwinden. Als dann die Schulen für die Abschlussklassen Mitte Mai wieder teilweise öffneten und schließlich die schriftlichen Abiturprüfungen beaufsichtigt werden mussten, half uns auch deine Patentante aus, dich zu betreuen, während dein Papa in Videokonferenzen und ich in der Abiaufsicht saß.

Auch sonst normalisierte sich das Leben wieder etwas: Viele Geschäfte durften schon Mitte April öffnen, inzwischen haben auch Cafés und Restaurants wieder geöffnet. Es ist immer noch alles anders als bisher: Wir Erwachsenen müssen überall – in Läden, beim Bäcker, im Supermarkt, in der Stadtbibliothek, in der Schule – selbstgenähte (in unserem Fall vor allem selbst gekaufte) Mund-Nasen-Masken tragen, Abstand zu anderen halten und uns die Hände desinfizieren. Du nimmst diese komischen Rituale zur Kenntnis, ohne dass es dich groß zu beschäftigen scheint. Nicht mal, als wir zusammen nach dessen Öffnung zum ersten Mal im Zoo waren und ich die ganze Zeit meine Maske tragen musste, hat dich das gewundert. Und dabei stellst du sonst gerade so viele Warum-Fragen!

Zuletzt kehren nun auch langsam die Kinder in die Kitas und Schulen zurück. Heute warst du zum ersten Mal bei deiner Tagesmutter – und es war, als hätte es die lange Pause von 84 Tagen seit deinem letzten Tag in ihrer Obhut nie gegeben. Du bist zwar verhalten, aber doch mit Vorfreude auf deinen Spielkameraden und die vielen Autos dort, morgens losgezogen und zwar erleichtert, aber doch voller Erzählungen mittags in meine Arme gelaufen. Jetzt liegst du schlafend neben mir und erholst dich von dem Neustart. Ich bin sehr stolz auf dich, wie du das heute geschafft hast!

Wie es weitergeht? Wir wissen es nicht. Vor uns liegt eine wirtschaftliche Rezession, der der Staat mit einem über 150 Mrd. Euro teuren Konjunkturpaket begegnen will. Das Virus ist immer noch da, auch wenn in unserem Landkreis täglich nur noch ein bis kein neuer Krankheitsfall hinzukommt. Trotzdem gehen Virologen davon aus, dass wir weiter vorsichtig sein müssen, bis es einen Impfstoff oder wirksame Medikamente gegen das Virus gibt. Und das wird allen Schätzungen nach noch mindestens ein Jahr dauern. So oder so: 2020 wird ein denkwürdiges Jahr bleiben. Du wirst dich nicht mehr daran erinnern, wenn du größer bist. Aber wir werden dir davon erzählen – und davon, wie wir diese Krise gemeinsam gemeistert haben.

In Liebe,

deine Mama

*der in Wirklichkeit anders heißt

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