4. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

als ich in der zweite Klasse, also acht Jahre alt war, kam deine Oma aufgewühlt von einem Elternabend in der Grundschule zurück. Dort hatte sie erfahren, dass mein geliebter Klassenlehrer Herr Schicht die Schule am Ende des Schuljahres verlassen würde. Das bekümmerte sie sehr – wusste sie doch, dass ich an ihm hing. Die ganze Nacht machte sie deswegen kein Auge zu – und noch heute erzählt sie mir immer wieder von jenem Abend und was für Sorgen sie sich gemacht hatte.

Als junge Erwachsene konnte ich ihre Erzählung immer nur belächeln; wie süß war es doch, dass sich meine Mama wegen so einer Kleinigkeit Sorgen gemacht hatte. Schließlich war meine Grundschulzeit auch ohne Herrn Schicht schön und mir gut in Erinnerung geblieben.

Jetzt, als deine Mama, kann ich die Sorgen meiner eigenen nur zu gut verstehen. Denn gerade stehen wir vor einer ganz ähnlichen Situation: Deine Erzieherin Tina hatte heute ihren letzten Arbeitstag in deiner Krippe. Sie war ein Jahr so etwas wie deine Verbündete in der Kita – hat dich so genommen, wie du bist, deine Bedürfnisse erkannt und ernstgenommen und dich sowohl beim täglichen Abschiedsschmerz als auch bei spontanen Grippeattacken getröstet und im Arm gehalten. Dass Tina heute geht, macht dich traurig. Das hast du mir gesagt – auch wenn du den vollen Umfang des Abschieds noch nicht begreifst. Ich dafür weiß, was er bedeutet. Und könnte heulen.

Ich habe schon mal darüber geschrieben, dass Papa und ich es uns mit der Auswahl deiner Krippe nicht leicht gemacht haben. Am Ende der Krippen-Besichtigungen dachten wir, wir hätten einen sicheren Hafen für dich gefunden. Nach einem Jahr nun sieht alles ganz anders aus: Alle drei Erzieherinnen, die dich im ersten Jahr umsorgt und betreut haben, haben nach und nach deine Krippe verlassen. Heute geht mit Tina die letzte aus dem Team, das dich einst so liebevoll aufgenommen hat.

Es tut mir so unendlich leid, dass du das mitmachen musst – gerade du, der nicht so schnell jemanden an sich heranlässt, dessen Gunst man nur langsam gewinnt und der Abschiede nicht mag. Papa und ich haben viel dafür getan, dass es den Erzieher/innen in deiner Krippe besser geht – am Ende aber konnten wir nicht verhindern, dass sie in andere Einrichtungen wechseln. Warum? Das kann ich dir mal erklären, wenn du größer bist.

Und es tut mir nicht nur leid – mich plagen auch Gewissensbisse: Dass ich dich so früh in die Krippe gegeben habe, weil ich unbedingt an meine jetzige Arbeitsstelle versetzt werden wollte. Dass ich bei der Wahl der Krippe vielleicht doch die falsche Entscheidung getroffen habe.

Papa und ich stecken nun in einer Zwickmühle, die uns nicht schlafen lässt: Sollen wir dich für die nächsten Monate, bis zum Beginn der Kindergartenzeit, aus der Krippe, deinem immerhin noch gewohnten Umfeld, reißen und vielleicht lieber von einer Tagesmutter betreuen lassen? Oder sollen wir dich in der Krippe lassen und darauf hoffen, dass die nächsten neuen Gesichter in deiner Gruppe nett sind und nicht nach drei Monaten das Weite suchen? Wir sind ratlos. Es kommt uns so vor, als könnten wir nur verlieren.

Ich hoffe trotzdem, dass wir einen Weg finden werden, mit dem es dir gutgeht. Damit du irgendwann mit einem Lächeln auf den Lippen diesen Brief liest – weil du so gar nicht nachvollziehen kannst, warum ich mir solche Sorgen gemacht habe.

In Liebe,

deine Mama

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