Weltuntergang

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Jeder gute Blog hat Gastschreiber. So jetzt auch dieser. Hier schreibt diese Woche Krumpfz‘ Papa.

Krumpfz hat einen kleinen Buggy in Puppengröße. Ein ziemlich einfaches Ding, das wir im lokalen Babyzubehörtempel mitgenommen hatten, als wir Krumpfz’ Kinderwagen zu einem Wagen für Kleinkinder umrüsten ließen und die lange Wartezeit irgendwie überbrücken mussten. In seinem wachsenden Repertoire an Spielzeug nimmt dieser Buggy eigentlich eine Nebenrolle ein. Von Zeit zu Zeit schiebt Krumpfz seine Puppe Conni durchaus mit großer Begeisterung durch die Wohnung. Oder eines seiner geliebten Kissen. Oder Steine. Aber im Großen und Ganzen verliert der kleine Buggy doch gegen die Allstars der Spielzeugsammlung wie die innig geliebten Duplo-Steine oder die teils von Mama geerbten Matchbox-Autos.

Vor wenigen Tagen stand eben dieser kleine Buggy jedenfalls morgens im Hausflur neben seinem großen Bruder, in dem Krumpfz für gewöhnlich zur Kita chauffiert wird. Er war dort nach einem regen- und matschreichen Ausflug am Tag zuvor stehen geblieben, weil die Reifen noch zu schmutzig für die Wohnung waren. Als ich mit Krumpfz den morgendlichen Gang zur Kita antreten wollte, fiel seine Aufmerksamkeit unweigerlich auf den kleinen Buggy (der Hausflur ist ziemlich schmal) und alle Versuche, ihm das Gefährt wieder auszureden, schlugen fehl. Also entschied ich mich, den rund einen Kilometer langen Weg zur Krippe zu einem gemütlichen Spaziergang umzufunktionieren und den Buggy mitzunehmen. Schließlich war ich früh dran und hatte noch ausreichend Zeit, um meinen Zug trotzdem noch ohne große Hetzerei zu bekommen. Zumindest dachte ich das in diesem Moment noch in meiner Naivität. Es sollte sich wenig später als Irrtum herausstellen.

Wir machten uns also auf den Weg und zunächst verlief alles wie gedacht: Krumpfz hatte sichtlichen Spaß beim ziellosen Hin- und Herschieben des Buggys, ließ sich aber durch geschicktes Zustellen der Fluchtwege und gezielt gestreute Richtungshinweise grob in die richtige Himmelsrichtung lenken. Die drohende Apokalypse kam dann in Form einer ziemlich gewöhnlichen, aber doch einigermaßen viel befahrenen Straße, zu der Krumpfz uns mit großer Bestimmung lenkte. Wie so oft war ihm dieser Weg lieber gewesen, als der deutlich ruhigere, der unten am Fluss entlangführte. Damit war aber zu rechnen gewesen. Ich vermute, dass meine Vorliebe für Entengeschnatter, Vogelgezwitscher und plätscherndes Wasser am Fluss gegenüber einer großen Ansammlung von Omnibussen, Taxen und Autos am örtlichen Busbahnhof ein Zeichen meines fortgeschrittenen Alters ist. 

Da die besagte Straße samt Zebrastreifen nun nur noch 50 Meter entfernt waren, versuchte ich Krumpfz klarzumachen, dass sich sein etwas zielloses Geschiebe mit gelegentlichen Pausen und vielen spontanen Richtungswechseln nicht so gut mit dem Straßenverkehr verträgt, und dass es mir lieber wäre, wenn er sich doch für diesen Abschnitt von mir tragen ließe – oder noch besser – in den großen Buggy setzen würde. Diesen Vorschlag fand Krumpfz natürlich gar nicht okay. Überhaupt nicht okay. Wie konnte ich überhaupt auf die Idee kommen, das traute Paar aus kleinem Buggy und Kleinkind, wenn auch nur für kurze Zeit, voneinander zu trennen? Je näher wir der Straße kamen, desto wütender wurde Krumpfz bei dem Gedanken, dass er seinen, schon immer über alles geliebten, durch nichts auf der Welt zu ersetzenden Buggy hergeben sollte! Meine kläglichen Versuche, ihn trotzdem auf den Arm zu nehmen, erstickten dann in einem Gewitter aus Gebrüll und Tränen. Auch der große Buggy stieß auf wenig Gegenliebe und wann immer ich Krumpfz hineinsetzen wollte, veränderte das Kind kurzerhand seinen Aggregatzustand und floß schlangengleich wieder aus dem Wagen auf den kalten Asphalt.

Krumpfz steigerte sich immer mehr in die alles verzehrende Wut über die Aussicht auf eine Unterbrechung seiner bis dahin doch so wunderschönen Tour mit seinem allerliebsten Spielzeug. Man kann sich die akustischen Ausmaße in etwa vorstellen, wenn man sich Fernsehbilder von wehklagenden Frauen in Erinnerung ruft, die den Verlust ihres Kindes beklagen, nachdem sie dessen verkohltes Lieblingsstofftier aus den Trümmern eines zerbombten Hauses ziehen mussten. Nur in einer geringfügig anderen Tonlage. Und wütender. 

Als Krumpfz da so mit Tränen auf den Wangen und rotem Kopf flach auf dem Boden lag, malte ich mir vor meinem geistigen Auge aus, wie die Anwohner der umliegenden Häuser wohl gerade auf das martialische Geschrei auf der Straße reagierten. In meinen Gedanken öffneten sich die ersten Fenster und erschrockene, verständnislose, teils verwirrte Blicke bohrten sich in meinen Rücken. In einer anderen Wohnung wurde hastig die Nummer des Jugendamts herausgesucht und in ein Mobiltelefon eingetippt. Das Geräusch von langsam näherkommendem Rotorenlärm lag in der Luft, Suchscheinwerfer wurden auf uns gerichtet, ein Mitarbeiter der NSA riss schlagartig seinen Kopfhörer herunter, da ihm das übersteuerte Signal, das über seine Außenmikrofone kam, in den Ohren schmerzte.

Zurück in der Realität hob ich meinen Blick und konnte um uns herum nur einige gelangweilte Teenager sehen, die viel zu sehr damit beschäftigt waren, vor ihren Mitschülern cool auszusehen oder in Gedanken noch um die Nachricht kreisten, die Vanessa aus der 9c gestern kurz vor Mitternacht geschickt hatte, als sich groß um ein krakelendes Kind zu kümmern. Eine Frau passierte uns mit mitleidigem Blick und sagte nur: „Da muss man manchmal ganz schön leiden.“ Ich nickte. 

Da sich Krumpfz nicht beruhigen ließ, mein Zug schon längst abgefahren war und ich nun langsam Gefahr lief, den nächsten auch noch zu verpassen, zwängte ich das kleine Nervenbündel unter Einsatz all meiner Gliedmaßen in den großen Buggy, hängte den Puppenwagen an dessen Griff und überquerte so schnell ich konnte die Straße, die der Auslöser dieser ganzen Episode war. Wirklich gut fühlte sich das nicht an, aber etwas Besseres fiel mir in diesem Moment auch nicht mehr ein. Krumpfz fügte sich nun seinem Schicksal und ließ sich unter gelegentlichem Schluchzen und einem ab und zu leise gejammerten „kleine Baddi“ zur Kita schieben.

Ich erzählte der dort schon wartenden Erzieherin von unserer eben durchlebten Götterdämmerung und fragte, ob es in der Kita manchmal auch so schlimm sei. „Oooh ja, gestern schon“, sagte sie. „Naja, vielleicht wird das ja bald wieder besser“, antwortete ich etwas hilflos. Der darauffolgende Blick und das Kopfschütteln trugen nicht gerade dazu bei, dass ich hoffnungsvoller auf die folgenden Tage mit dem kleinen Wüterich blickte.

Drei Tage später war ich wieder mit Krumpfz und dem kleinen Buggy auf dem Weg zur Kita. Dieses Mal hing der Buggy von Anfang an am Griff seines größeren Pendants, in dem Krumpfz friedlich saß und seine Umgebung betrachtete. Er hatte gleich akzeptiert, dass heute Morgen nicht genug Zeit zum Selberschieben war. Zuvor hatten wir gemeinsam ein Porridge gegessen, das Krumpfz gut geschmeckt hatte, und auch das Anziehen hatte er ohne Proteste über sich ergehen lassen. Als ich an der Stelle vorbeikam, an der wir vor nicht allzu langer Zeit noch die Nachbarschaft terrorisiert hatten, atmete ich innerlich einmal durch und war sehr dankbar, dass der heutige Morgen von Beginn an so harmonisch abgelaufen war. Genug Zeit zur Erholung vor dem nächsten Weltuntergang – wo auch immer dieser auf uns wartet…

2019-05-07 17.33.10-1

3 Gedanken zu “Weltuntergang

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