3. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

heute habe ich eine Kiste gepackt. Keine besonders schöne, eher so eine pragmatische aus Plastik, die man luftdicht verschließen kann. Keine besonders große, es passen gerade mal zwei gefaltete T-Shirts nebeneinander. Und doch wurde mir ganz schwer ums Herz, als ich die Kiste mit Inhalt füllte. Hinein wanderten nämlich meine Umstandskleider und meine Still-Oberteile. Oder anders: Die Kleidung, die ich die letzten zwei Jahre hauptsächlich getragen habe.

Dabei konnte ich die Klamotten irgendwann echt nicht mehr sehen. Jeden Tag die gleiche Auswahl an Still-Shirts. Jeden Tag die gleiche Mama-Uniform. Allzeit stillbereit.

Das ist jetzt vorbei. Seit ein paar Tagen bist du fast komplett abgestillt – besser gesagt: Ich habe dich abgestillt. Nur noch abends und morgens im Bett stille ich dich. Doch diese Momente der innigen Zweisamkeit werden immer kürzer. Abends nuckelst du nur noch kurz an meiner Brust und weinst dann beleidigt auf, bevor du dich abwendest, auf Papas dickes Daunenkisten legst und einschläfst. Meine Brust willst du nicht mehr – oder du bist zu verwirrt, um sie zu wollen.

Das tut weh, auch wenn ich weiß, dass jetzt einfach der Zeitpunkt ist, loszulassen und dich wieder ein kleines Stückchen mehr auf deinen eigenen Weg zu stupsen. Und ich weiß auch, dass ich jetzt langsam wieder an mich denken muss. Ich wiege fünf Kilogramm weniger als vor der Schwangerschaft und habe seit deiner Geburt nicht eine Nacht durchgeschlafen. Kurzum: Das Stillen ging mir zuletzt echt an die Substanz.

Trotzdem bin ich melancholisch, dass unsere Stillbeziehung nun zu Ende geht. 16 Monate habe ich dich ernährt – erst vollständig, dann irgendwann zusätzlich zur Beikost. Aber Stillen war für mich – für uns – immer mehr als das: Es war unsere kleine Oase im Alltag. Hier haben wir immer zueinander gefunden, uns zusammen ausgeruht und Kraft getankt. Als du noch ein Baby warst, bist du zuverlässig während des Stillens eingeschlafen und ich habe dich in meinen Armen gehalten, immer bedacht darauf, dich nicht zu wecken. Kurzum: Stillen war unser happy place.

Dabei war es am Anfang sehr fraglich, ob wir überhaupt je eine Stillbeziehung aufbauen können. Denn nach deiner Geburt waren auf der Neonatologie erst einmal andere Dinge wichtig: Zuerst musstest du lernen, selbstständig zu atmen und danach, deine Temperatur zu halten. Du warst an viele Geräte angeschlossen, die überwachten, wie du dich dabei schlägst. Genauso penibel protokollierten die Krankenschwestern deine Nahrungsaufnahme – zunächst noch über eine Sonde, dann aus dem Fläschchen. Alle drei Stunden wurdest du zum Trinken geweckt und die Schwestern notierten, wie viel du zu dir genommen hattest, bevor du wieder einschliefst. Ich pumpte emsig meine Muttermilch ab, füllte sie in sterile Flaschen, beschriftete und deponierte sie im Kühlschrank der Neo-Station. Ich weiß noch, wie stolz ich war, wenn ich wieder 100 ml Muttermilch für dich vorbeibringen konnte.

Unsere ersten Stillversuche waren dagegen sehr kläglich. Ich hatte ja keine Ahnung, wie das Anlegen richtig funktionierte und wir beide durften es auch nie lange miteinander versuchen, weil dich das Stillen zu sehr erschöpfte und du aber auf jeden Fall Milch zu dir nehmen musstest, bevor du wieder einschliefst. Dazu musste ich dich vor und nach dem Stillen wiegen, um zu sehen, wie viel Muttermilch in deinem Bäuchlein angekommen war. Die ersten Male war das Ergebnis ernüchternd: Obwohl du wirklich alles gegeben hattest, zeigte die Waage keine Veränderung an.

Zu Hause blieben Papa und ich zunächst dabei, dich mit dem Fläschchen zu füttern – auch wenn mein Wunsch, dich zu stillen, immer größer wurde. Aber wir hatten Angst, dass du vom Stillen nicht satt werden würdest. Außerdem hatte wir auf der Neo-Station ja gelernt, wie wichtig Kontrolle ist – und die konnten wir mit der Fläschenfütterung ja viel besser behalten.

Erst die Gespräche mit meiner Hebamme Sarah* halfen, mich von den Neo-Vorgaben allmählich zu lösen und auf meine Intuition zu vertrauen. Ich begann also, eine Fläschchen-Mahlzeit nach der anderen durch das Stillen zu ersetzen. Das war am Anfang ziemlich schmerzhaft, weil meine Brüste dein Saugen nicht gewöhnt waren. Trotzdem hielt ich es aus. Auch weil ich das Gefühl hatte, etwas bei dir gutmachen zu müssen. Die Geburt, die Zeit auf der Neo – das alles entsprach so wenig dem idealen Beginn einer Mutter-Kind-Bindung, dass ich zeitweilig sogar Angst hatte, dass wir nie ganz zueinander finden würden. Mit dem Stillen wollte ich eine Brücke zu dir schlagen.

Es dauerte insgesamt drei Wochen und viel Geduld, bis aus dir ein vollgestilltes Baby wurde. Wie war ich glücklich, als ich die Fläschchen endlich aus der Küche räumen konnte! Und wie stolz war ich auf uns, dass wir doch noch zum Stillen gefunden hatten (was – so erfuhr ich später von Sarah – bei unserem Neo-Start eher die Ausnahme als die Regel war)! Zwar kaufte ich mir noch eine Milchpumpe, um „auch mal abpumpen und abends weggehen zu können“, aber ich benutzte sie vielleicht ein oder zwei Mal, bevor auch sie wieder in ihrem Karton verschwand. Und du hast dich nie wieder für ein Fläschchen interessiert.

Klar, das Stillen war auch zeitweise echt anstrengend. Ich weiß noch, dass ich eines Tages im Oktober 2017 deine Patentante Anne* anrufen musste, damit sie kam, um mir meine schon vorgekochte Suppe aufzuwärmen, weil du an diesem Tag beschlossen hattest, von morgens bis abends dauergestillt zu werden. Und ich erinnere mich an die Nächte um deinen ersten Geburtstag herum, in denen du wahrscheinlich so viel verarbeiten musstest, dass du jede Stunde Ruhe und Geborgenheit an meiner Brust gesucht hast.

Nichtsdestotrotz werde ich dieses Gefühl, dich zu stillen, nie vergessen. Du an meiner Brust – das war so etwas Inniges, Intimes, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Es ist schwer, das jetzt loszulassen – dich loszulassen. Wir müssen uns einen neuen happy place suchen. Kommst du mit?

In Liebe,

deine Mama

 

* Die in Wirklichkeit anders heißen.

 

 

 

 

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