Sterne sehen

Allgemein

Gestern, als ich Krumpfz aus der Kita abholte, war etwas anders als sonst. Mir fiel es nicht sofort auf, denn ich hatte – wie jeden Mittag – nur Augen für meinen Sohn. Ich sah ihn noch einen Moment mit seinem Becher spielen, bevor er mich erblickte, seinen Becher stante pede fallen ließ und mit einem breiten Grinsen auf mich zu krabbelte. „Ho!“, rief er, kaum dass er an meinen Füßen angekommen war – was in diesem Zusammenhang so viel wie „Nimm mich auf den Arm!“ bedeutet. „Hallo Großer! Schön, dich zu sehen“, sagte ich, während ich Krumpfz auf meine linke Hüfte lupfte. „Nana!“, rief Krumpfz. „Nane?“, fragte ich leicht irritiert. Denn „Nane“ ist Krumpfz‘ Verkürzung für „Banane“ und eine Banane hatte ich nirgendwo in der Kita gesehen. „Hast du heute eine Banane gegessen?“ „Nana!“, rief Krumpfz und zeigte in Richtung des Regals, das als Raumteiler im Raum der grünen Gruppe steht. „Nana!“

Und da sah ich, was er meinte: Über dem Regal hingen zwei große Holzsterne. Offensichtlich hatten die Erzieherinnen den Gruppenraum weihnachtlich dekoriert. „Da sind ja Sterne!“, sagte ich zu Krumpfz. „Nana!“, rief er erneut und glücklich darüber, dass ich ihn verstanden hatte.

Schon seit die ersten Geschäfte in unserer Stadt die Weihnachtsdeko aus dem Keller in ihre Schaufenster geholt haben, sind Sterne bei Krumpfz – neben Hunden – ganz oben auf der Liste der zu bejubelnden Objekte. Auf dem Weg von der Kita nach Hause zeigt er mir täglich jeden Stern, den er sieht – und das sind ganz schön viele! Da sind die große weißen Sterne, die von den Mitarbeitern der Stadt als Weihnachtsschmuck zwischen den Häuserzeilen angebracht wurden. Da ist der gut zwei Meter große, leuchtende Stern auf der Insel im Kreisverkehr am Stadteingang. Da sind die zwei großen, gelben Sterne am Eingang des evangelischen Gemeindehauses. Im Schaufenster eines Optikers sind Sterne zwischen den Brillen drapiert, Sterne gibt es als Aufkleber am Klamottenladen nebenan und als Fensterdeko in der Nachbarschaft. Große Weihnachtssterne kann man im Krimskramsladen auf dem Marktplatz kaufen und Lametta mit Sternen im Supermarkt. „Nana!“ – Krumpfz ist wie im Rausch.

 

So bewusst wie bei unseren Wegen durch die Stadt habe ich den Einzug von Weihnachten in den Alltag schon lange nicht mehr wahrgenommen. In den letzten Jahren bin ich an der städtischen Weihnachtsdeko meist einfach vorbeigehastet – den Kopf bei schlechtem Wetter zwischen die Schultern gezogen und den Blick auf den Boden gerichtet. Mit Krumpfz aber kann ich nicht hasten. Denn entweder trage ich ihn auf der Hüfte oder er läuft selbst – was beides deutlich entschleunigt.

Und zum ersten Mal seit Jahren ist da wieder etwas vom Warten auf Weihnachten zu spüren. Denn wir Eltern warten mit Krumpfz. Morgen bekommt er zum ersten Mal einen eigenen Adventskalender voller Duplo-Steine und -Tiere. Klar, wir Eltern hatten uns bis letztes Jahr auch immer einen Adventskalender geschenkt. Er war eine Relikt aus unserer Kindheit, an dem wir noch mit über 30 festhielten. Und obwohl sich der Inhalt der 24 Säckchen oft wiederholte, blieb er eine liebgewonnene Routine – und unsere tägliche (und im Berufsalltag oft einzige) Erinnerung daran, dass Weihnachten näher rückt. 

Jetzt ist es Krumpfz, der uns die Augen für die Vorweihnachtszeit öffnet und mit jeder geöffneten Adventskalender-Tüte auf das schönste Fest im Jahr zusteuert. Wir können es kaum erwarten, mit ihm zu singen, Plätzchen zu backen, die Kerzen am Adventskalender anzuzünden – also einfach die Advents- und Weihnachtszeit zu feiern. Wir sind voller Vorfreude und vielleicht sogar ein bisschen aufgeregt. Wie damals, als wir selbst noch Kinder waren. 

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