Vom Rotieren

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Als Krumpfz auf die Welt kam, war plötzlich alles anders. Die Frühgeburt, die Woche in der Kinderklinik, der Beginn zu Hause – all das warf uns Eltern von einem Moment auf den anderen in einen komplett unbekannten Lebensabschnitt, auf den wir noch überhaupt nicht vorbereitet waren. „Ihr hattet ja noch nicht mal einen Kinderwagen!“, erinnerte mich meine Freundin Kata* neulich an diese chaotische Anfangszeit. Und erst vor ein paar Tagen hielt ich zufällig wieder den kleinen Baby-Body in Gr. 44 in den Händen, den mein Mann am Tag der Geburt noch schnell kaufte und wusch, damit unser Sohn auch etwas zum Anziehen haben würde.

Tatsächlich fühlten wir Eltern uns in dieser ersten Zeit unseres neuen Familienlebens wie zwei Planeten, die bisher friedlich umeinander gekreist waren und durch einen Urknall hinaus ins weite Weltall katapultiert wurden, um dort – zunächst heftig schlingernd, dann immer steter – einen neuen Mittelpunkt zu finden: unseren Sohn.

Mit jedem gemeinsamen Tag festigte sich unser gemeinsames Bezugssystem immer mehr, so dass ich schließlich fest überzeugt davon war, dass uns von nun an nichts mehr aus der Umlaufbahn werfen könne.

Doch dann kam das Ende der Elternzeit. Und damit mein Wiedereinstieg in den Beruf. Und damit die Kita-Eingewöhnung für Krumpfz. Und plötzlich war das Gefühl wieder da, dass unser Leben, wie wir es kannten, von einem Tag auf den anderen erneut ins Schlingern geriet.

Dabei hatten wir mit der Kita-Auswahl schon kurz nach Krumpfz‘ Geburt begonnen. Ich erinnere mich noch, wie ich vor gut einem Jahr mit lädiertem Beckenboden und ohne jegliche Kondition den Berg zur ersten Kita-Besichtigung hinaufschnaufte und dabei die ganze Zeit betete, dass der im Tragetuch friedlich schlummernde Krumpfz bloß nicht aufwachen oder gar weinen würde.

Damals erschien mir der Schritt, Krumpfz nach einem Jahr Elternzeit in die Kita zu geben und selbst wieder arbeiten zu gehen, noch absolut surreal. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieses kleine Bündel Mensch, das außer Trinken, Schlafen und Windelvollmachen nicht viel tat, überhaupt je größer werden würde. Gleichzeitig fand ich es aber nur logisch und konsequent, nach einem Jahr wieder arbeiten zu gehen. Schließlich war ich von meiner Mutter zu einer Frau erzogen worden, die selbstbewusst auf eigenen Füßen steht.

Die Zweifel an meiner Entscheidung kamen erst später – als ich nämlich realisierte, dass Krumpfz tatsächlich noch ganz schön klein sein würde, wenn er das erste Mal über die Schwelle der Kita gehen würde. Kurz vor der Eingewöhnung in der Kita konnte er nämlich außer „Mama“, „Mamm“ (für Essen) und einem zustimmende „Hmmm!“ noch nichts Verständliches über die Lippen bringen und zog es immer noch vor, die Welt krabbelnd zu erobern. Würde er sich da überhaupt als Nesthäkchen in einer Gruppe von zehn Unterdreijährigen behaupten können? Ganz abgesehen davon, dass er ohne mich – wenn überhaupt – nur unter Protest einschlafen konnte. Wie sollte das da mit dem Mittagsschlaf in der Kita je funktionieren?

Um mich zu beruhigen, bat ich die Kita-Leitung um einen Besuch in der künftigen Gruppe von Krumpfz. Und obwohl meine Anfrage wohl etwas ungewöhnlich und vielleicht auch etwas helikopterelternmäßig daherkam, durfte ich kurz darauf an einem Vormittag im Juli einen Blick in den künftigen Kita-Alltag meines Sohnes werfen. Die Kinder waren bei herrlichem Sommerwetter draußen im Garten: Sie buddelten im Sandkasten, schaukelten oder spielten mit Ringen und Bällen. Dazwischen waren die Erzieherinnen, die ganz den Kindern zugewandt waren und mich kaum eines Blickes würdigten – ein schöner Anblick.

Trotzdem wurde mir ganz schwer ums Herz, als ich den kleinen Justus* beobachtete. Er war 13 Monate alt – also ungefähr so alt, wie Krumpfz zu Beginn der Kita-Eingewöhnung sein würde. Noch unsicher auf den Beinen stapfte Justus durchs Gras, dann grub er ganz allein eine Ecke des Sandkastens um. Mal abgesehen davon, dass seine Nase ununterbrochen lief und er schon bald überall mit Sand paniert war, schien er total zufrieden zu sein. Und doch kam mir immer wieder der gleiche Gedanke: „Oh je, der ist ja ganz allein auf sich gestellt!“ Natürlich dachte ich an Krumpfz und dass er auch schon bald so selbstständig werden müsste. Auf dem Weg nach Hause kamen mir die Tränen und der Zweifel: Hatte ich zu viel gewollt?

Obwohl mein Mutterherz fast verzagte, blieben mein Mann und ich standhaft und rüttelten nicht an unserer Entscheidung, Krumpfz in die Kita zu geben. Und so reduzierte mein Mann ab September seine Arbeitszeit und übernahm die Eingewöhnung von Krumpfz, während ich wieder in Teilzeit, aber trotzdem voll, in den Alltag als Lehrerin eintauchte.

Da die ersten Tage in der Kita und Schule noch sehr aufregend waren und deshalb ordentlich durcheinander gerieten, merkten mein Mann und ich erst nach einer Woche, dass uns das Leben zwischen Familie und Beruf ganz schön ins Rotieren brachte.

Denn während ich morgens arbeitete, war mein Mann mit Krumpfz in der Kita – und wenn ich fertig war, kam mein Mann meist mit dem schlafenden Krumpfz im Kinderwagen in die Stadt, um mir Kind und Wagen dort zu übergeben. Für mich blieb dabei meist nur wenig Zeit zwischen Schulschluss und Übergabe. Oft aß ich nur noch hastig etwas in meinem Lieblingsimbiss in der Stadt, während mein Mann den Kinderwagen vor der Tür schon hin- und herschob. Dann übernahm ich Wagen und Kind und mein Mann eilte zur Arbeit… Es waren anstrengende und lange Tage, an deren Ende wir regelmäßig gemeinsam vor dem Fernseher auf der Couch einschliefen.

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Richtig aus der Umlaufbahn geworfen wurden wir allerdings nach zwei Wochen Kita-Eingewöhnung. Bis dahin hatte Krumpfz sich gut in seinem neuen Umfeld eingefunden und seine Erzieherin versicherte uns immer wieder, dass alles in Ordnung sei – selbst in den zeitlich immer ausgedehnteren Trennungsphasen von meinem Mann ließe sich der Kleine schnell beruhigen und zum Spielen bewegen.

Doch dann wollte Krumpfz am Montag der dritten Woche nicht mit ihr zum Frühstück gehen. Er war einfach nicht damit einverstanden, dass er in der Kita nun auch noch essen sollte und weigerte sich nach Kräften. Im Nachhinein glaube ich, dass er einfach noch nicht bereit für diesen Schritt war. Die Bezugserzieherin dagegen sah das anders und teilte meinem verdutzten Mann beim Abholen mit, dass wir darüber nachdenken sollten, ob wir Krumpfz nicht wieder aus der Kita nehmen wollten. Es sei vielleicht noch zu früh für ihn.

Die Nachricht traf uns unvermittelt und mit voller Wucht. Sofort waren alle Zweifel, ob wir das Richtige taten, wieder da. Wir diskutierten den ganzen Rest des Tages über mögliche Optionen: Sollten wir doch noch einmal versuchen, eine Tagesmutter für Krumpfz zu finden? Sollten wir es in einer anderen Kita versuchen? Sollten wir den Kleinen noch einmal aus der Kita nehmen? Wir kamen zu keinem echten Ergebnis. Nur in einem waren wir uns sicher: So aufreibend die Doppelbelastung von Eingewöhnung und Job war – für Krumpfz würden wir sie noch länger auf uns nehmen.

Nach einer sorgendurchwirkten Nacht brachen wir am nächsten Morgen wieder zur Kita bzw. in die Schule auf – unsicher, was der Tag bringen würde. In der Kita konnte mein Mann dann zum Glück mit der Chefin sprechen. Sie teilte die Einschätzung ihrer Mitarbeiterin nicht und war sehr darum bemüht, uns unsere nun noch größeren Zweifel zu nehmen. Sie versprach, nun die Eingewöhnung zu übernehmen. „Bisher hat die Eingewöhnung bei jedem Kind geklappt, auch wenn sie manchmal länger dauert“, machte sie meinem Mann Mut.

Da wir die Chefin von Anfang an gemocht hatten, beschlossen wir, der Kita noch eine Chance zu geben. Dafür verlängerte mein Mann spontan seine Elternzeit um einen Monat und schon am nächsten Tag begann die Eingewöhnung für Krumpfz noch einmal von vorne – dieses Mal aber mit der Chefin als seiner Erzieherin.

Von da an ging es langsam bergauf. Unsere Tage blieben zwar ein ständiger Spagat zwischen Familie und Beruf mit viel Gehetze und wenig Pausen – aber aus der Kita hörten wir fortan von den steten Fortschritten, die unser Sohn in der Eingewöhnung machte: Nach zwei Wochen mit der Chefin als Bezugsperson blieb Krumpfz täglich drei Stunden in der Kita – und ging längst ohne Protest und mit viel Appetit mit den anderen Kindern zum Frühstück. Manchmal war er dann aber dann schon so müde, dass er während des Essens auf dem Schoß der Chefin einschlief.

Allerdings musste mein Mann dann für eine Woche beruflich in die USA – und wir vereinbarten mit der Kita, dass die Eingewöhnung bis zu seiner Rückkehr unterbrochen würde. Meine Schwiegereltern – die während der Reise meines Mannes bei uns einzogen – würden Krumpfz morgens wie gewohnt bringen und nach drei Stunden abholen. Das war der Plan.

Doch wir hatten den Plan ohne Krumpfz gemacht: Ihm gefiel es ausgesprochen gut, morgens von seinen Großeltern in die Kita gebracht zu werden. Er ließ sich ganz ohne Protest abgeben und machte vormittags so gut mit, dass die Chefin beschloss, ihn bis zum Mittagessen dazubehalten. Tatsächlich aß Krumpfz so gut (und so viel) mit, dass die Chefin meinen Schwiegereltern prompt mitteilte, dass sie am nächsten Tag erstmals versuchen werde, Krumpfz zum Mittagsschlaf in der Kita hinzulegen. Wir waren alle ganz aufgeregt und ließen unsere Handys nicht aus den Augen – in der Erwartung eines Anrufs aus der Kita, dass Krumpfz doch abgeholt werden müsste. Aber die Telefone blieben still und nachmittags wartete ein ausgeschlafener, fröhlicher Krumpfz in der Kita auf seine Großeltern. Meine Schwiegereltern hatten die Eingewöhnung binnen drei Tagen abgeschlossen.

Von da an wurden unsere Tage wieder ruhiger. Krumpfz ging von acht Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags in die Kita, während wir Eltern arbeiteten. Alles schien sich zu beruhigen und wir kreisten wieder ruhig und gelassen durch das Krumpfz’sche System. Doch gerade, als wir einen Hauch von Routine beim Rotieren verspürten, bekamen wir alle drei die erste heftige Kita-Grippe. Aber das ist eine andere Geschichte…

* Die im echten Leben immer noch anders heißt. 

* Der im echten Leben auch anders heißt.

4 Gedanken zu “Vom Rotieren

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