2. Brief

Briefe an Krumpfz

Lieber Krumpfz,

es gibt Entscheidungen im Leben, die man im Nachhinein bereut. So war es zum Beispiel von meinem 17-jährigen Ich damals in der Oberstufe gar nicht mal so clever, auf einer Party sieben Tequila-Shots in kurzer Abfolge in mich reinzukippen (die Folgen kannst du dir – wenn du das hier mal liest – sicher ausmalen! Zu meiner Verteidigung: Ich hatte Mords den Liebeskummer!). Außerdem bereue ich es, nach dem Abitur nicht erst einmal kreuz und quer über unseren Planeten gereist zu sein und stattdessen meine Nase sofort in die Bücher der muffigen Germanisten-Bibliothek gesteckt zu haben. Ach, und das Semester Geographie, das ich meinte studieren zu müssen, weil ich mit meinem Abiturschnitt nicht gleich in das Politikwissenschaftsstudium starten durfte, hätte ich mir in der Retrospektive auch sparen können (und mit ihm das Proseminar bei einem äußerst fiesen Prof). Und warum ich vor wie während des Studiums nie den Mumm hatte, mich an einer Journalistenschule zu bewerben, verstehe ich heute noch nicht.

Es gibt aber auch Entscheidungen im Leben, die ich genauso wieder treffen würde (und das sind in meinem Leben bisher zum Glück die meisten). So war es die richtige Entscheidung schlechthin, damals diesen komischen User namens poelz, den ich beim Chatten bei den MTV Groupies kennengelernt hatte, mal im echten Leben zu treffen… und ja, du wirst die Geschichte sicher schon in und auswendig kennen: Dieser poelz ist dein Papa – und die Liebe meines Lebens. Und auch die Entscheidung, aus dem geliebten Norden in die kleine Unistadt hier zu ziehen, bereue ich nicht, denn inzwischen fühle ich mich auch hier zu Hause.

Die beste Entscheidung in meinem Leben aber war die für dich. Trotz der am Ende nicht leichten Schwangerschaft. Trotz unseres schweren gemeinsamen Starts in der Klinik. Trotz keiner einzigen Nacht ungestörten Schlaf. Trotz aller Entbehrungen – angefangen beim abendlichen Kinobesuch bis hin zu großen Urlauben in fernen Länder. Trotz all der Schmerzen – unter der Geburt, aber auch vom Stillen und vom vielen Tragen. Trotz eines Jahres ohne meine Arbeit, ohne geistige Herausforderungen. Trotz des Gefühls der Einsamkeit an manchen Tagen. Trotz einer total veränderten Partnerschaft, in der dein Papa und ich in erster Linie deine Eltern sind. Einfach: Trotz allem. Ich würde immer wieder Ja zu dir sagen.

Denn von dir habe ich unheimlich viel gelernt. Zum Beispiel das Kochen. Gut, das habe ich nicht von dir gelernt, aber für dich. Früher (vor dir) war ich nie eine begeisterte Köchin. Klar, es gab schon ein paar Rezepte, die ich gerne zubereitet habe, aber streng genommen war die Küche immer das Hoheitsgebiet deines Papas. Das hat sich mit dir geändert. Denn wenn du mit deinen kleinen Händchen im Essen matscht und mit wohlwollenden Brummlauten alles verschlingst, was ich zubereitet habe, dann macht das Kochen für mich plötzlich Sinn.

Und ich gebe viel besser auf mich Acht als früher. Da habe ich in stressigen Zeiten schon mal das Essen vergessen und über die Schmerzgrenze hinaus gearbeitet – was so manches Mal zu einem gesundheitlichen Komplettausfall geführt hat. Seit du die oberste Priorität in meinem Leben bist, hat sich das geändert. Denn gerade am Anfang deines Lebens hast du mich rund um die Uhr gebraucht – da konnte ich nicht schlapp machen. Außerdem lebst du mir vor, wie es geht: Wenn du müde bist, schläfst du, wenn du Hunger hast, hat das Vorrang vor allem anderen. Das sind echt gesunde (und eigentlich auch einfache) Automatismen, die ich mir versuche von dir abzuschauen.

Außerdem lehren mich deine Neugier und dein unermüdlicher Entdeckungsdrang die Kleinigkeiten im Leben, die wir Erwachsenen schon längst für selbstverständlich nehmen, wieder wertzuschätzen. Wenn du zum Beispiel mit deinem Holz-Kran mit Magnet-Aufsatz spielst und feststellst, dass du damit nicht nur die dazugehörigen Klötze, sondern auch deine kleinen Töpfe hochheben kannst, dann staune auch ich über dieses Phänomen, das du später als Magnetismus kennenlernen wirst. Oder wenn du mir jeden Morgen die vielen weißen Blüten an der Orchidee im Schlafzimmer zeigst, dann schaue ich wieder genauer hin und bewundere mit dir diese wirklich schöne Pflanze.

Aber du hast von mir auch Ausdauer und Geduld in einem Maß eingefordert, wie ich bisher nicht kannte (und nicht hatte). Allein die unzähligen Abende, an denen ich mit dir darauf gewartet habe, dass dich der Schlaf übermannt, haben mir so viel Langmut abverlangt, dass ich mich über mich selbst wundere. Und wenn es dir mal schlecht geht und du auf meinem Arm weinst, entwickle ich – selbst bei totaler Übermüdung – noch Kräfte, von denen ich nie etwas geahnt habe.

Vor allem aber hast du mir eins beigebracht: bedingungslose Liebe. Klar, auch deinen Papa liebe ich über alles. Aber für dich würde ich alles tun – ohne, dass du etwas dafür tun musst oder ich etwas dafür erwarte.  For you I’d bleed myself dry. Das ist, so glaube ich, bedingungslose Liebe in ihrer reinsten Form.

Ich schreibe dir das alles nicht ohne Grund. Heute ist dein erster Geburtstag. Heute vor einem Jahr habe ich dich geboren. Heute vor einem Jahr hast du dich ins Leben gekämpft. Heute vor einem Jahr hat sich alles verändert. Und ich möchte keinen Augenblick davon missen. Dich nicht missen. Nie mehr.

In Liebe,

deine Mama

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