1. Brief

Briefe an Krumpfz

Mein lieber Krumpfzbolle,

jetzt bist du schon länger bei uns als du in meinem Bauch warst und so langsam wird aus dem schläfrigen Baby vom Anfang ein energiegeladenes Kleinkind. Seit du deine zweite Erkältung um Ostern herum tapfer überstanden hast, bist du sehr aktiv: Unentwegt kugelst und robbst du dich über deine Spieldecke (letzteres vornehmlich rückwärts). Gleichzeitig zeigst du mir immer mehr, was dich ausmacht. Ab und zu spekulieren dein Vater und ich darüber, wie du wohl mal sein wirst, wenn du groß bist. Ich will das heute mal aufschreiben – du darfst dann später, wenn du das hier liest, gerne laut darüber lachen.

Zunächst einmal kommst du ganz nach mir, denn du machst alles mit links. Mit deinem kleinen linken Händchen angelst du nach allem, was dich interessiert: nach meiner Brille (die zu teuer ist, um sie dir zum Spielen zu geben), nach dem Geschirr auf dem Tisch (natürlich nicht nach deinem aus Plastik!), nach Fiete, dem Fuchs (deiner Spieluhr, die dich eigentlich müde machen sollte) und nach Papas Bart (der langsam grau wird – aber psssst!). Mit der linken Hand greifst du auch nach deinen Stapelbechern oder deinen „Linkis“ und drehst sie hin und her, bevor du sie mit Wucht auf unserem Parkettboden springen lässt. Und auch deinen Luftballonball traktierst du mit der linken Hand. Deshalb steht für mich fest: Du wirst mal ein Linkshänder. Wie ich.

Dann ist da deine Vorliebe für Stoffe. Du liebst deine Spucktücher! Egal, wie schlecht du drauf bist, mit einem Spucktuch kann man dich immer zum Jauchzen bringen. Ich muss es nur über dir hin- und herschwenken, und schon wirst du ganz aufgeregt. Wenn ich es dann mit einem „Hui! Wo ist der Krumpfz?“ auf dich fallen lasse und das Tuch dein Gesicht bedeckt, schlägst du es sofort mit beiden Händchen weg und lachst mich an. Manchmal wartest du damit etwas und ich tue dann so, als ob ich dich suchen müsste. Das findest du witzig. Total zappelig wirst du auch, wenn Papa und ich über dir Bettwäsche zusammenlegen. So ein großes Tuch findest du spannend und wenn wir dich damit kurz ganz zu- und dann wieder aufdecken, giekst du vor Freude. Papa und ich spekulieren deshalb, dass du später ein Tuchhändler wirst. Da der Beruf allerdings nicht mehr so lukrativ ist, könnte es auch sein, dass du einfach nur ein Faible für Mode entwickelst. Oder zumindest für schöne Bettwäsche.

Und auch wenn du beim Breiessen momentan gerne mal streikst, glaube ich, dass du ein guter Esser wirst. Schließlich hast du bisher keinen einzigen Brei, den ich für dich gekocht habe, ganz verschmäht. Gut, der erste Spinatbrei war nicht so deins, aber der war auch wirklich sehr grün! In kleinen Dosen findest du sogar dieses Horrorgemüse aller Kleinkinder lecker. Daneben magst du Fisch, Rindfleisch, rote Beete, Fenchel, Pastinaken, Zucchini, Kohlrabi, Brokkoli, Karotten, Süßkartoffeln, Kürbis und Kartoffeln – ich finde, für einen acht Monate alten Jungen ist das eine super Bilanz!

Außerdem bist du – so glauben wir als deine Eltern es zumindest – definitiv introvertiert (was nicht groß verwunden dürfte, denn wir sind es auch). Anderen Menschen begegnest du zunächst abwartend und es dauert immer eine Weile, bis sie sich deine Gunst erkämpft haben (Deine Großeltern kennen das zu genüge – und geben trotzdem nicht auf!). Wenn wir unterwegs sind, betrachtest du alles um dich herum mit einem höchst konzentrierten, ernsten Blick. Wenn dich etwas erschreckt, weinst du und musst dich ganz doll an mich kuscheln (gerne mit der Stirn voran in meinen Brustkorb). Zu Hause ist das ganz anders. Hier lachst du oft und lässt dich von unserer Albernheit anstecken. Du magst es, auf unserem Schoß zu hüpfen, spielst mit mir Schotterwagen-Fahren, liebst es, durchgekitzelt zu werden und mit einem von uns auf dem Sofa herumzurollen. Wenn ich in der Küche koche und du mir von deinem Autositz aus zusiehst, erzählst du mir meistens etwas und strahlst mich an, wenn ich dir in deiner Sprache antworte. Ich hoffe, dass das so bleiben wird. Dass du mir immer so offen begegnest, wie du es gerade tust. Und ich glaube, dass du später – genau wie dein Papa und ich – ein eher zurückhaltender Mensch sein wirst. Du wirst nicht der Klassenclown sein, der alle unterhält. Oder der Draufgänger, der den Ton angibt. Du wirst immer dabei sein, aber nie mittendrin. Und das wird völlig okay sein, glaub mir.

Zum Schluss noch etwas Banales: Du wirst groß werden. Größer als ich und – spätestens wenn wir alt und grau sind – größer als dein Papa. Denn schon jetzt trägst du Größe 74 und hast (das kann man nicht anders sagen) echte Quadratlatschen. Es wird also der Tag kommen, an dem du mich – deine kleine Mutter – in den Arm nimmst und dabei meine Brille gegen deine Brust und gleichzeitig mein Gesicht drückst, so dass ich sie danach putzen muss (und nicht etwa, weil ich dann eine Träne der Rührung verdrückt habe).

Vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – habe ich aber eh nicht Recht und du wirst ganz anders, als ich es mir gerade ausmale. Und das ist auch gut so, denn es wäre ja schlimm, wenn du jetzt schon komplett durchschaubar wärst! Aber egal, was einmal aus dir wird: „Auf einem Platz in meinem Herz steht dein Name an der Wand. […] Ich werde immer an dich glauben, egal was auch passiert.“ (Tomte)

In Liebe,

Deine Mama

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