Das Wunder

Allgemein

Am Nachmittag des 31.12.2016 lag ich mittags auf der Gästecouch in einer Studentenwohnung in Hamburg-Altona und lauschte. Den Geräuschen in den zwei Zimmern, die wir uns zusammen mit unseren Freunden aus Köln für den Jahreswechsel in der Hansestadt über AirBnB gemietet hatten. Dem Rauschen der Autos über den nassen Asphalt vor dem Fenster. Dem ruhigen Atem meines Mannes, der neben mir schlief, um Anlauf zu nehmen für eine lange Silvesternacht. Den leisen Schritten unserer Freundin über den knarrenden Holzboden auf ihrem Weg ins Bad. Dem Husten unseres Freundes im Nebenzimmer, der ausgerechnet jetzt krank geworden war.
Und ich lauschte in mich hinein. Fragte mich, was das neue Jahr bringen würde. Und wusste plötzlich die Antwort: „Es hat geklappt!“ Die Bestimmtheit dieses Gedanken erschrak mich. Unwillkürlich legte ich eine Hand auf meinen Bauch, durch den plötzlich ein aufgeregtes Kribbeln wogte. Erst wollte ich meinen Mann wecken und ihm von meinem Verdacht erzählen, doch dann kam ich mir blöd vor. Stattdessen schlang ich meine Arme um ihn und schlief ein.

Was folgte war eine Silvesternacht in Hamburg. Mit Unmengen Schokolikör, den meine Cousine uns zu Weihnachten geschenkt hatte. Mit Dinner for One auf dem Laptop. Mit einem Essen bei einem Portugiesen, bei dem wir noch recht spontan einen Tisch bekommen hatten. Mit Gesprächen über Kinder – wollten wir, wollten unsere Freunde welche, wann, wie viele? Mit Countdown und Feuerwerk an den Landungsbrücken. Mit Sekt aus Piccolofalschen und Wunderkerzen. Mit Regen und Wind. Mit einem übergroßen, gelben Luftballon mit Gesicht, den wir im Schanzenviertel fanden und von dort durch die Nacht trugen. Mit der Suche nach einer Location zum Tanzen. Mit einem letzten Drink in einer Kneipe, die uns mit ihrer Musik zurück in die Wohnung trieb, wo wir müde und etwas resigniert einschliefen.
Als wir Hamburg am nächsten Tag verließen, verblasste mein noch am Vortag mit Bestimmtheit formulierter Gedanke mit jedem Kilometer, den wir uns nach Süden vortasteten. Und zu Hause versanken mein Mann und ich erst einmal in der Erkältung, die unser Freund schon Silvester hatte.

Trotzdem blieb die Vermutung. Am vierten Tag des neuen Jahres machte ich den ersten Test. Er war negativ. Ich war enttäuscht. Aber auch trotzig. Ich glaubte dem einfachen Strich auf dem Papierstreifen nicht. Kaufte einen neuen Test. Und wartete ab.
Am neunten Januar testete ich erneut. Ich weiß noch, dass mein Mann noch im Bett lag, als ich aus dem Bad zurückkam und sagte: „Ich glaube, ich bin schwanger.“ „Echt?“, fragte er mich – ungläubig und plötzlich wach. Ich legte mich zu ihm und wir schauten uns an. Was nun? Wir freuten uns vorsichtig, weil wir um die Brüchigkeit einer Schwangerschaft in den ersten drei Monaten wussten. Und weil wir den Umfang dieser Neuigkeit auch gar nicht begreifen konnten.
Tatsächlich änderte sich zunächst nichts in unserem Leben. Ich verzichtete fortan auf Alkohol, Salami und Rohmilchkäse und saß jeden Morgen eine halbe Stunde auf der Matte im Badezimmer, um die Übelkeit niederzukämpfen, die in mir aufstieg. Davon abgesehen warfen wir uns beide wieder in unsere Arbeit. Mein Mann stürzte sich in die finale Phase seiner Promotion. Ich versank im Halbjahresstress zwischen Korrekturen, Notenkonferenzen und Elternsprechtagen.
Zwischendrin ließ ich mir einen Termin bei meiner Frauenärztin geben. Aber selbst als sie mir im Ultraschall das winzige, bohnenförmige Wesen zeigte, das sich bei mir eingenistet hatte und dessen Herz ein flatternder Punkt war, begriff ich nicht wirklich, was da gerade mit mir – in mir – passierte. Erst als mein Mann zum zweiten Termin mitkam und sich auf dem grauen Bildschirmbild die weiße Silhouette eines kleinen Menschenkindes abzeichnete, verstanden wir langsam: Das ist unser Baby. „Ist es nicht ein Wunder?“, fragte die Ärztin. Wir nickten stumm, Freudentränen in den Augen.
Das war heute vor einem Jahr. Am 23. Februar 2017. An diesem Abend hatten wir nicht ansatzweise eine Ahnung davon, was passieren würde – und wie viel sich verändern würde. Wir tauschten unser bisheriges Leben gegen ein komplett anderes. Ein Leben, in dem das Staunen immer noch ein fester Bestandteil ist. Das Staunen über uns, die wir nun Eltern sind. Und über das Wunder, das uns vor einem Jahr zum ersten Mal begegnet ist: Krumpfz.

Mika 23-02-17

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