„Genieße es!“

Allgemein

Letzte Nacht war keine gute Nacht. Nach dem Stillen hatte ich als pflichtbewusste Mutter den Eindruck, dass Krumpfz dringend eine neue Windel benötige. Also begann ich, das noch halb schlafende Bündel Baby zu wickeln. Mit dem Ergebnis, dass die Windel mehr oder minder leer war, Krumpfz aber – vom Freiheitsgefühl am Po etwas geweckt und motiviert – seinen Darminhalt spontan auf dem Wickeltisch entleerte. Meine hektischen Versuche, das Kind aus der Gefahrenzone zu bewegen und gleichzeitig zu dekontaminieren, weckten Krumpfz schließlich ganz auf, so dass ich anschließend ein zwar sauberes, dafür aber heftig strampelndes Kind ins Baby-Bettchen legte, das fröhlich vor sich hinkrumpfzte. Mit großen Augen schaute er mich im Halbdunkeln an, als wolle er fragen: „Und jetzt, Mama? Und jetzt?“. Also nahm ich den Kleinen wieder auf den Arm und verschwand in Richtung Wohnzimmer. Während ich ihn mit dem mir inzwischen ganz eigenen Seit-Tap-Seit-Tap-Schritt (ein Hoch auf meine Tanzschulausbildung!) versuchte, auf dem Parkettboden in den Schlaf zu tanzen, wünschte ich, dass ich die Zeit vordrehen könnte in eine Ära, in der ich wieder durchschlafen würde können.

Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen. Denn was hatte neulich meine Freundin gesagt, als sie uns zum ersten Mal besuchte? „Genießt es! Die Zeit geht so schnell vorbei!“ Und sie musste es wissen, sie hat schließlich zwei Söhne! Also versuchte ich, meiner Situation etwas Positives abzugewinnen und dabei das einsetzende Taubheitsgefühl im linken Arm und die chronisch schweren Augen zu ignorieren. Ich bin ehrlich: Es gelang mir nicht.

„Genießt es!“, ist das Mantra aller Mütter, so scheint es mir. Oder besser gesagt: aller Mütter, deren Kinder mindestens schon in die Kita gehen. „Genießt diese ganz besondere Zeit, auch wenn es sicher anstrengend ist“, schrieb mir unlängst meine eigene Mutter in einer Mail. „Genieß die gemeinsame Zeit, die kann dir später keiner mehr nehmen“, riet mir meine Tante am Telefon. „Genießt diese gemeinsame Anfangszeit“, schrieb eine andere Freundin in einer Karte zur Geburt.

Und so bete ich mir diesen gut gemeinten Imperativ immer wieder vor. Wenn Krumpfz beim Wickeln schreit, als würde das Zuknöpfen des Bodys gegen die Menschenrechte verstoßen. Wenn Krumpfz partout nicht in seiner Wiege liegen will und ich deshalb nicht dazu komme, mir mein Mittagessen aufzuwärmen. Wenn Krumpfz beim Spazierengehen im Tuch am entferntesten Punkt von zu Hause einen Schreikrampf bekommt und das ganze Tal, durch das ich uns gerade wandere, an seinem Leid teilhaben lässt. Wenn ich Samstagmorgens nicht – wie früher – auf den Markt gehen kann, sondern versuche, Krumpfz’ Hunger zu stillen, der am Markttag grundsätzlich nicht zu stillen ist. Wenn Krumpfz auf meinem Arm randaliert und ich nicht weiß, was er hat und alle Versuche, ihn zu beruhigen, erfolglos bleiben. Wenn ich abends so müde bin, dass ich noch nicht mal mehr einem Fußballspiel im Fernsehen konzentriert folgen kann.

Und nein, natürlich genieße ich all diese Momente nicht. Stattdessen leide ich unter Schweißausbrüchen, Unsicherheit und Hilflosigkeit.

Oder eben unter Müdigkeit. Wie heute Morgen nach besagter schlafloser Tanznacht im Wohnzimmer. Nach der ersten Stillrunde, zu der mich Krumpfz zuverlässig um 7 Uhr geweckt hatte, konnte ich trotzdem nicht mehr einschlafen. Im Gegensatz zu meinem Sohn, der noch einmal selig weggenickert war. Ich nutzte die Gunst der Viertelstunde und sprang unter die Dusche. Während ich mich hektisch einseifte und mit einem Ohr angestrengt Richtung Schlafzimmer lauschte, fragte ich mich, wann ich je wieder in Ruhe duschen würde können. Kaum dass das Wasser seine optimale Temperatur erreicht hatte, sprang ich schon – noch halb nass – in Richtung Schlafzimmer, um nach Krumpfz zu sehen. Tatsächlich war er gerade wach geworden und blinzelte. Als ich mich üben ihn beugte – aus meinen nassen Haaren troff noch das Wasser – blickte er mich direkt an. Und lächelte. Ich lächelte zurück. Und genoss es. Und wie!

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