Der erste Eindruck

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Heute waren Krumpfz und ich zum ersten Mal unter Gleichen. Genauer gesagt unter sieben anderen Müttern und ihren Babys. Ein kurzer Blick in die Runde hätte jedem klar gemacht, was der Zweck dieser jedem Vernunftbegabten als tollkühn vorkommenden Zusammenkunft war. Alle Babys waren angezogen und die Mütter hatten sich in ihre vorschwangerschaftliche Sportkleidung gezwängt. Ein Rückbildungskurs also.

Ich hatte die ganze Woche auf den heutigen Tag hingefiebert – sollte er nach monatelanger Sportabstinenz doch meine Rückkehr in den Kreis der Körperoptimierer markieren. Akribisch hatte ich am Abend vorher meinen Rucksack gepackt: Sporthandtuch und Trinkflasche für mich, Wickelset, Wechselklamotten, Decke und Spucktuch für Krumpfz. Trotzdem versuchte ich meine Vorfreude vor meinem Sohn zu verbergen – wusste ich doch, dass meine Aufregung vor dem ersten Versuch, zum Frisör zu gehen, zu einer Spuckattacke bei ihm geführt hatte, die in letzter Instanz meinen Besuch bei der Haarkünstlerin meines Vertrauens verhindert hatte.

Umso lässiger tat ich heute Morgen, als ich Krumpfz zwei Stunden früher als für uns üblich aus seinem Bettchen hob, um ihn zu stillen. Danach kümmerte sich mein Mann um den Kleinen, während ich es sogar schaffte, in Ruhe zu duschen und zu frühstücken. Dann verließ mich mein Mann und mit ihm die gute Laune meines Sohnes. Dass er noch einmal Hunger haben würde, bevor wir das Haus verlassen würden, hatte ich in meinem vor ihm verheimlichten Tagesplan noch vorgesehen – nicht aber seine missbilligenden Schreie und sein unbändiges Gezappel beim Wickeln. Krumpfz hatte offensichtlich etwas dagegen, dass ich seinen Schlafanzug gegen den Marken-Body, den er von seiner Oma zur Geburt bekommen hatte, und gegen einen erst kürzlich erworbenen Strampler  eintauschte. Dabei wollte ich doch nur, dass mein Sohn schick und wie aus dem Ei gepellt einen guten ersten Eindruck bei allen Müttern macht.

Das Schreien endete erst, als ich Krumpfz – nach meinem geheimen Zeitplan immer noch pünktlich – ins Tragetuch einband, meinen Rucksack schulterte und mich auf den Weg zur Hebammenpraxis machte, wo der Kurs stattfinden würde. Erleichtert stellte ich fest, dass mein Sohn schon beim Verlassen der Haustür friedlich eingedöst war. Wenige Schritte später schlief er tief und fest. Ich atmete auf und tankte neue Zuversicht.

Mit zwei Minuten Verspätung – also voll im Toleranzbereich für junge Mütter – betrat ich dann den Kursraum, in dem ich mich noch vor wenigen Wochen zusammen mit meinem Mann und anderen Eltern noch auf die Geburt vorbereitet hatte. Ich holte mir eine Matte und setzte mich gegenüber dreier total entspannt wirkender Mütter und ihrer Kinder, die seelenruhig in ihren Babyschalen schliefen. Auch neben mir ein Bild der Idylle: Eine Mutter blickte froh und selig auf ihre kleine Tochter, die ihr mit wachen Augen in der Wanne ihres Kinderwagens munter entgegenstrampelte.

Vorsichtig, wenn auch etwas widerwillig, löste ich das Tragetuch und bettete Krumpfz auf seine Fleece-Decke. In der Hoffnung, dass er noch weiterschlafen würde, breitete ich mein Handtuch aus und strahlte die Leiterin des Kurses erwartungsvoll an. Ich dachte gerade über die richtigen Worte für die Vorstellungsrunde nach, als ich jäh durch einen mir durchaus bekannten Schrei aus meiner Konzentration gerissen wurde. Es war ein kräftiger und nicht zu überhörender Schrei, der sich im spärlich eingerichteten Raum noch potenzierte und mir unmissverständlich signalisierte, dass es nun um Leben und Tod ginge. Kurz gesagt: Krumpfz hatte Hunger.

Während die Kursleiterin sich und die Kursinhalte knapp vorstellte, legte ich meinen Sohn an. Er saugte kräftig und zufrieden. Puh! Mein Optimismus stieg sofort wieder: Ich würde ihn stillen, ihn zum Aufstoßen animieren und dann eben kurze Zeit später in die Übungen einsteigen.

Als ich Krumpfz jedoch aus seiner Stillposition befreite, bemerkte ich etwas Feuchtes an meinem Funktionsshirt, das ich aus der hinteren Ecke des Schrankes, also aus der Zeit vor meiner Schwangerschaft, gekramt hatte. Bei näherer Betrachtung erkannte ich sofort, dass Krumpfz der Ursprung der doch recht dunklen Flecken auf meinem Shirt sein musste. Mein Blick wanderte zum neuen Strampler meines Sohnes – und blieb an einem unübersehbar großen, gelbbräunlichen Fleck auf Kniehöhe hängen. Die Windel war übergelaufen!

Während die anderen Mütter unsichtbaren Gegnern in den Bauch und zwischen die Rippen boxten, ließ ich mich seufzend auf meiner Matte nieder und begann, Krumpfz zu wickeln. Anfangs noch betont gelassen, wurde ich dabei zunehmend angestrengter, denn Krumpfz gefiel die Aussicht auf das zweite Wickeln innerhalb von zwei Stunden überhaupt nicht. Seinen Standpunkt vertrat er durch ausdauerndes Schreien, während sein Gesicht sich immer besserer Durchblutungswerte erfreute. Ich versuchte, ihm gut zuzureden, drang aber ebenso wenig durch diese Wand von Geschrei durch, wie die Kursleiterin, die mit sanfter Stimme Anweisungen für die ersten Beckenboden-Übungen gab. Also biss ich die Zähne zusammen und beeilte mich. Kaum hatte ich Krumpfz aus seinem schicken Strampler befreit und seinen Ersatz-Pulli (ein olles Second-Hand-Ding mit Milchflecken) übergestreift, nahm ich ihn auf, um seinem Protest Einhalt zu gebieten – was zum Glück recht schnell gelang.

Ich wagte es kaum, Krumpfz abzulegen, tat es trotzdem aber tapfer in der Hoffnung auf Gnade. Tatsächlich entschloss sich mein Sohn zunächst, der Mutter neben mir zuzugucken, die inzwischen auf der Seite lag und elegant ein Bein in die Höhe streckte. Mich würdigte er keines Blickes, als ich es ihr gleichtat. Währenddessen gucke ich mich um: Eine Mutter stillte ihr Baby, ansonsten zeigten sich alle anderen Säuglinge unbeeindruckt gut gelaunt von dem Geturne ihrer Erziehungsberechtigten. Ein Mädchen schmuste mit ihrer etwas derangiert wirkenden Puppe, ein Junge war komatös weggenickert. Krumpfz hingegen war die Mutter neben mir schon langweilig geworden und er fing an, zunehmend hektisch mit den Armen zu wedeln. Für mich war das das Zeichen, dass die Ruhe nicht von langer Dauer sein würde, versuchte aber trotzdem, die Übungen konzentriert auszuführen, ohne an die tickende Zeitbombe neben mir zu denken.

„So, jetzt sind wir schon fünf Minuten früher fertig“, sagte die Kursleiterin, als ich gerade das Gefühl hatte, meine Muskeln gewärmt und meinen Beckenboden gefunden zu haben. „Wer will, darf sich noch einen Igel-Ball holen und sich den Rücken massieren“, fügte sie noch hinzu, bevor mein Sohn nun endgültig genug von dieser ganzen Veranstaltung hatte und erneut ausdauernd zu schreien begann. Während die ersten Mütter ihre Babyschalen ergriffen und das Weite suchten, bemühte ich mich, Krumpfz möglichst schnell ins Tuch einzubinden, versprach dies doch das Ende seines Schreikrampfes. Doch noch bevor mir das gelang, war ich mit meinem schreienden Säugling allein im Kursraum.

Ich war bedient und trat den Rückweg an. Kaum hatte ich die Praxistür ins Schloss fallen lassen, war Krumpfz nicht wiederzukennen: Er schlief friedlich an meiner Brust. Und ich? Ich war durchgeschwitzt. Aber nicht vom Sport.

 

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